Zwischenstand in Koeln

24 10 2009

Ich habe jetzt schon so lange nicht mehr gebloggt, dass ich wirklich eine Weile rumprobieren musste, bis mir das Passwort wieder einfiel! Ich habe immer wieder mal darüber nachgedacht, wieder etwas zu bloggen, doch es fehlte der Anstoß. Dann kam Willis Kommentar zu „Kennst du deine Eltern nackt“ in mein Postfach geflattert und nicht nur die Komplimente darin haben mich dazu bewegt, wieder kurz von mir hören zu lassen.

Grundsätzlich hat das viele positive Feedback, das ich hier bekommen habe, mich dazu gebracht, ernsthaft meinen Wunsch, ein Buch zu schreiben, anzugehen. Und so sitze ich hier und arbeite an meinem Plot, lese Bücher übers Schreiben, Fachbücher über Psychologie – mache also das Gleiche wie sonst auch, nur mit einem konkreteren Ziel und mittlerweile erkennbaren Fortschritten.

Doch nebenbei mache ich auch gerade mein Praxissemester in Köln, einer Stadt, in der es häufiger regnet als in London, aber die trotzdem von sich zu überzeugen weiß. Der Job passt, die Wohnung neben der Innenstadt passt, doch leider weilen meine Gedanken häufiger in anderen Welten als die Schönheit hier zu genießen.

Was gab es noch? Im Sommer war ich in Prag und musste feststellen, dass es meine Seelenstadt ist. Wie kann man das erklären? Diese Stadt berührt mich wie ein Schmonzetten-Film und passt so gut wie keine andere in meine verwinkelte Welt, ist sogar mittlerweile in meine Träume übergegangen. Ach, Prag…wieso führst du eine Fernbeziehung mit mir?

So, jetzt habe ich doch einen schönen Rundblick gegeben.

Grüße aus Köln!


So still wie Coquerill

1 06 2009

Ich schreibe nichts, ich schreibe nichts.

Den ganzen Mai nichts Neues von mir. Aber was gibt es groß zu erzählen? Ich studiere. Und das heißt meistens, ich lerne etwas, wovon ich meist nur tertiär tangiert werde ;). Und das, was mich wirklich interessiert, dafür bleibt keine Zeit, kein Gedankenraum mehr übrig.

Geschrieben habe ich auch, sehr fleißig, doch darf das noch nicht veröffentlicht werden. Insofern: Ihr müsst auch lernen mit der Stille zu leben :).

Und ich hatte Geburtstag.


Mitfühlen

19 04 2009

„Wer nicht mitfühlt, liest umsonst.“

Dieser Satz, zitiert aus einem Buch von Hermann Melville in der FAZ trifft es wirklich auf den Kopf. Wobei, eigentlich ist eine allgemeine Wahrheit. Außer man liest wie man fernsieht – aus Schadenfreude, Spott, purer Ironie. Das könnte ich mir bei kitschigen Liebesromanen gut vorstellen. Worte, die unsere Bedürfnisse auf niedrigster Ebene bedienen – denen wir aber bewusst distanziert mit unserem Geist gegenüberstehen. Ein netter Zwiespalt des Intellektuellen.


Das Museum der gestohlenen Erinnerungen

13 04 2009

Habe mir das Jugendbuch „Das Museum der gestohlenen Erinnerungen“ von Ralf Isau aus meinem Regal gegriffen, wo es schon eine Weile steht – oder besser: hängt. Denn die Buchbindung hat die Nerven verloren, die Seiten fallen mehr, als dass man sie noch blättern könnte und ich weiß, ich fand das Buch einmal großartig, wollte es dann nocheinmal lesen und fand den Anfang eher schwierig. Also Versuch Nummer zwei.

Charakteristisch:

„Die Truhe!“, rief Oliver plötzlich dazwischen, nein, er schrie es geradezu, keuchte, wie er es sonst nur nach einem Zwanzigmeterlauf tat, und starrte seine Schwester mit weit aufgerissenen Augen an.

Amüsant und kurzweilig zu lesen, etwas abgedroschene Metaphern, einige gewollt lustige Vergleiche – bildlich nicht sehr gelunden, dafür ist die Geschichte außergewöhnlich. Zack schon 50 Seiten weggelesen. Allgemein Genre: Historisches Fantasy. Jetzt sind nur noch 40 Seiten vor mir von den 666 Seiten umfassenden Werk – und es zieeeeeht sich. Meine Güte. Aber es ist angenehm einfach etwas so zu lesen, es ist wie eine Feierabendserie, vorhersehbare Gefühle, nette, erwünschte Wendungen, ein paar außergewöhnliche Schauplätze und ein Paar Rätsel (das liebt die Leserin besonders).

Keine Stelle gibt es, die wie bei Anna Karenina nachklingt, wo jeder Satz analysiert werden will, alles glatt an der Zunge liegt und nichts übel aufstößt oder aus dem Charakter fällt – maßgeschneiderte Geschichtsstränge. Doch zur Abwechslung dieses Jugendbuch, das nur unterhalten will, dazwischen noch etwas Nazi-Mahnung und historisches Allerlei reinwirft, ist entspannend – vielleicht weil man wirklich nicht nachdenken muss. Wieso auch? Dann regt man sich nur über die vielen logischen Lücken auf.

Eine Stelle habe ich mir jedoch gemerkt:

„Wer da handelt, der hat gewöhnlich den Gewinn; wer alles überleget und zaudert, der nicht leicht.“ - Herodot


Anna Karenina (259 – 317)

5 04 2009

Kleiner Nachtrag von zwei Seiten zuvor: eine Stelle, die ich ausversehen übersehen habe, und doch zu schade ist, um zwischen den tausend Seiten unterzugehen:

„Lewin machte ein finsteres Gesicht. Das Gefühl der Kränkung über die Abweisung, die ihm zuteil geworden war, brannte wie eine frische, eben erst empfangene Wunde in seinem Herzen. Aber er war in seinem Haus, und zu Hause helfen einem sogar die Wände.“ (S. 257)

Mir ist aufgefallen, dass mir die Randfigur Lewin am interessantesten erscheint – vielleicht deswegen, weil sich Tolstoj selbst mit ihm identifizierte. Die Hauptgeschichte um die Karenina hingegen steigert sich ja mehr und mehr ins Tragische – gottseidank ohne unangenehm zu werden oder herzzerbrechend (dann kann ich nämlich auch nicht mehr weiterlesen), doch ich freue mich immer auf den Perspektivenwechsel über zur Nebenhandlung. War sicher nicht so intendiert vom Autor. Weiteres Manko der Hauptgeschichte: Der Liebhaber hat eine Glatze! Seit 200 Seiten beschreiben sie ihn als Schönling und dann zack! wird es mal so am Rande erwähnt, dass er bald keine Haare mehr auf dem Kopf hat. Ja, so stelle ich mir einen überiridisch verführerischen Mann vor, für den ich alles aufgebe. Darin zeigt sich nochmal der Aspekt von oben: Vielleicht ist einem Lewin sympathischer, weil er detaillierter und menschlicher beschrieben wird. Eigentlich wird kaum aus der Perspektive Anna Kareninas erzählt, die Geschichte ist zentraler, weil tragischer, aber die Details sind spärlich. Es werden nur ein paar Liebesdialoge wiedergegeben, bei Lewin die Umstände seiner Liebe. Ergo Lewin ist unser menschlicher Ankerpunkt, unser Begleiter durch das Buch, während hingegen Anna Karenina und ihr Geliebter plus Staffage mehr wie eine geschmückte Moralfrage daherkommen. Man darf bei jedem mal in die Gedanken hineinschauen, urteilen darf – muss? man selber.

„Er wollte nicht sehen und sah wirklich nicht, dass schon viele in der Gesellschaft seine Frau schief anblickten; er wollte nicht verstehen und verstand nicht, warum seine Frau durchaus nach Zarskoe Selo übersiedeln wollte. Er gestattete sich nicht, darüber nachzudenken, und dachte auch nicht darüber nach; aber obwohl er es sich nie eingestand und nicht nur keinerlei Beweise, sondern auch keine Verdachtsmomente hatte, wusste er doch ganz genau, dass er ein betrogener Ehemann war, und war tief unglücklich darüber.“ (S.301)

Schöne stilistische Stelle. Sorge mich, dass das Buch sich thematisch zu sehr in Richtung Effi Briest entwickelt. Habe das Buch wirklich gehasst. Aber die Personen in diesem Buch sind wenigstens respektierbar und verständlich in ihren Handlungen. Und welch ein Vergnügen aus der Hand Tolstojs zu lesen!

Als das Hindernisrennen über vier Werst begann, beugte sie sich vor und sah unverwandt auf Wronskij, der zu seinem Pferd ging und aufsaß, und gleichzeitig hörte sie die widerwärtige, nicht verstummende Stimme ihres Mannes. Die Angst um Wronskij quälte sie; aber noch mehr quälte sie die hohe Stimme ihres Mannes mit dem ihr so wohlbekannten Tonfall, und ihr schien, als wolle diese Stimme überhaupt nicht mehr verstummen.“ (S. 310)

Höhepunkt erreicht. Sprachlos. Muss mich erst beruhigen und dann noch einmal lesen. Grandios. Mein Herz.

Ende Seite 317.


Anna Karenina (221–259)

5 04 2009

Mit einem schmerzenden Rücken liest es sich nicht gut und konzentriert – darum habe ich jetzt eine Weile mit der Lektüre pausiert. Mittlerweile halte ich es wieder in meinem liebgewordenen Ledersesselchen aus, daher hier die fortlaufenden Notizen zu Anna Karenina, meinem Sprachquell, meinem Psychologiebuch, meiner Bildfreude.

„In alle Einzelheiten deiner Gefühle einzudringen, habe ich kein Recht, ich halte das auch für nutzlos und sogar schädlich“, sagte Alexej Alexandrowitsch. „Wenn wir in unserer Seele wühlen, kommen oft Dinge zum Vorschein, die besser unbemerkt liegen bleiben sollten. Deine Gefühle, das ist etwas, das nur dein Gewissen angeht; ich aber bin vor dir, vor mir selbst und vor Gott verpflichtet, dich auf deine Pflichten hinzuweisen. [...] Ich wiederhole: Es ist sehr leicht möglich, dass meine Worte dir völlig überflüssig und unangebracht erscheinen, vielleicht sind sie nur durch einen Irrtum meinerseits veranlasst. In diesem Fall bitte ich dich um Entschuldigung. Aber wenn du selbst so fühlst, dass auch nur der geringste Grund vorhanden ist, so bitte ich dich, darüber nachzudenken und, wenn dich dein Herz dazu treibt, mir zu sagen …“ (S. 220)

Mit dieser Stelle hatte ich eigentlich aufgehört, der versuchten Klärung zwischen Anna Karenina und ihrem Mann. Am Anfang der Stelle fällt der sachlich-betonte Sprechstil des Mannes auf, wohl zurückzuführen auch auf seine Arbeit als Beamter. Redewendungen wie „bin verpflichtet, dich darauf hinzuweisen“, „ich wiederhole:“ und „durch einen Irrtum veranlasst“ verdeutlichen diese beamtliche Distanz, die er auch in der Beziehung pflegt. Die Ansicht, dass ihn ihre Gefühle nichts angehen, nur ihre Entscheidungen, finde ich ebenfalls beachtenswert. Sind Gefühle nicht die maßgebliche Grundlage für Entscheidungen? Gefühle kann man noch wenden, Entscheidungen nicht. Insofern … andererseits erspart man sich dadurch die belastende Vermutung über den nächsten Schritt des Gegenübers. Doch am Ende seiner kleinen Vernunftrede kommt es mir so vor, als verliere sich Alexej in einer verzweifelten Bitte. Mit jedem Komma im letzten Satz, mit jedem Einschub scheint er sich mehr emotional zu offenbaren – und bricht an der Spitze der Gefühle ab. Lässt das Eigentliche ungesagt. Obwohl eigentlich hat er ja seine Vermutung bereits mitgeteilt, doch was für Welten liegen zwischen einer sachlichen Vermutung und einer leidenschaftlichen Bitte – vielleicht diese eine Nuance mehr Empathie, die Anna Karenina zum Zuhören und Überdenken verleiten könnten.

Eine weitere Stelle, die durch ihre Metapher ins Auge fällt:

Und er fühlte, was ein Mörder fühlen muss, wenn er den Körper anblickt, den er des Lebens beraubt hat. Dieser Leichnam, dem er das Leben geraubt hatte, war ihre Liebe, die erste Periode ihrer Liebe. Es war etwas Entsetzliches und Abstoßendes in der Erinnerung an das, was mit diesem entsetzlichen Preis der Schande erkauft war. [...] Aber trotz seines Entsetzens vor dem Leichnam des Ermordeten muss der Mörder diesen Leichnam zerstückeln und verstecken und muss sich zunutze machen, was er durch seinen Mord gewonnen hat.

(Und wie sich der Mörder mit Erbitterung, mit Leidenschaft auf diesen Leichnam stürzt, so bedeckte er ihr Gesicht und ihre Schultern mit Küssen.) (S. 223)

Der Vergleich zwischen Affäre und Mord ist zwar sehr gewagt, aber unbestreitbar kraftvoll. Besonders das Wort „zerstückeln“, die Vorstellung, seine Geliebte symbolisch zu zerstückeln, was für ein Bild.

[...] Und darum wollte sie nicht davon sprechen, es nicht durch ungenaue Worte banal machen. (S. 224)

Ein paar Seiten nach diesem Satz, bildet sich in mir der Gedanke, dass Tolstoj allgemein Gefühle nie banal dastehen lässt. Nackt und lächerlich wie sie meistens zu finden sind. Nein, Tolstoj kleidet sie in die richtige Zeit, in die richtige Beobachtung ein und so gewinnen sie ihre Berechtigung, ihre Würde zurück.

Eine Wetterpassage

Der Frühling kam langsam. Die letzten Fastenwochen hatten klares Frostwetter gebracht. Bei Tag taute es in der Sonne, aber in der Nacht sank das Thermometer auf sieben Grad unter Null; die Eiskruste auf dem Schnee war so stark, dass die Lastfuhren darüber hinwegfuhren, ohne sich an den Weg zu halten. An Ostern lag noch überall Schnee. Am zweiten Feiertag begann plötzlich ein warmer Wind zu wehen, dunkle Wolken zogen auf, und drei Tage und drei Nächte strömte ein stürmischer, warmer Regen. Am Donnerstag legte sich der Wind, und dichter, grauer Nebel steig auf, als wollte er das Geheimnis der Wandlung verhüllen, die sich in der Natur vollzog. Im Nebel fingen die Wasser an zu strömen, die Eisschollen krachten und setzen sich in Bewegung, immer schneller strömten die trüben schäumenden Flüsse, und am Sonntag nach Ostern zerriss gegen Abend der Nebel, das dunkle Gewölk löste sich in weiße Lämmerwölkchen auf, der Himmel wurde klar, und nun kam der wirkliche Frühling.

Man fühlt die einsetzende Bewegung, das Aufbrechen. Bei den genauen Zeitangaben glaube ich immer Tolstoj am Fenster sitzen zu sehen, das Wetter protokollierend.

Während sie miteinander sprachen, spitzte Laska die Ohren, blickte auf den Himmel und warf den beiden einen vorwurfsvollen Blich zu.

‚Jetzt ist’s gerade Zeit zum Schwatzen!‘ dachte sie. ‚Da fliegt eine … Ja, da ist sie … Die verpassen sie.‘ (S.247)

Ja, und auch der Hund hat bei Tolstoj so seine Gedanken. Hätte ich nicht gedacht.

So viel zu diesem Abschnitt, ein paar Stellen habe ich jetzt ausgelassen, es wird sonst einfach zu quälend lang.


Was man tun sollte und was man tatsächlich dann tut

4 04 2009

Ich bin ja jetzt zum Feedreader geworden im wortwörtlichen Sinn. Nachteil ist, man öffnet all die Artikel, die sich interessant anhören mit dem festen Vorsatz sie später einmal zu lesen. Mit höchster Konzentration und idealer Weiterverarbeitung der Information. Fakt ist, mittlerweile habe ich mir Google Chrome nur für zu lesende Artikel installiert, da ich sonst 6 Tableisten in meinem Firefox offen hätte (ja, ich weiß, Zahlen unter 12 oder so soll man ausschreiben, aber ich bin der Meinung, dass dann die Zahlen nicht mehr so beeindruckend über den Text herausragen. Ich habe 12 Eier gegessen. Oder ich habe zwölf Eier gegessen. Na, was hört sich beeindruckender an?). Noch schlimmer ist, wenn man die Artikel liest und gute Gedanken dazu hat oder ihn so gut findet, dass man ihn nicht schließen und damit verlieren will. Darum poste ich jetzt einfach hier einige der besten Artikel, in der Hoffnung, dass ich sie später hier auch wieder finde – sollte ich sie jemals suchen.

Sehr unterhaltsam ist zum Beispiel das Szenensprachenwiki, das Duden gestartet hat. Hier kann jeder Wörter aus der Umgangssprache, die es bis jetzt noch nicht in den Duden geschafft haben, eintragen. Meist haben sie das nicht aus guten Gründen – aber dafür soll ja jetzt extra ein Szenesprachlicher Duden herausgegeben werden. Am Besten sind die Diskussionen rund zu der Wortbedeutung. Außerdem versteht man dann auch wieder mehr, wenn man mit seiner kleinen Schwester kommuniziert (bewusst offen formuliert).

Nächster Lieblingstab ist der Artikel von Max Scharnigg von jetzt.de über das „Klumsche Paradoxon„. Als nicht vom Modeltraum befallenes Mädel, dass die Sendung „Topmodel“ trotzdem gerne schaut – also als direkt Betroffene – finde ich seine Gedanken zur seltsamen Faszination, die davon ausgeht, sowohl nachvollziehbar, als auch amüsant zu lesen. Scheint wohl auch heimlich zu schauen.

Hm, wie ich so den Rest meiner Tabs durchschaue, bemerke ich, dass ich da wohl nicht mehr viel mit dem geneigten Leser teilen kann. Wordpresstuner-Tipps, Schriftstellerbiographien, Motivationsanleitungen und tausend Fundstücke, an denen mich meist nur ein Satz fasziniert und eine Idee festhalten soll.

Ich habe mir überlegt den Header für meinen Blog selbst zu zeichnen. Dann hätte ich mal wieder einen Anlass mich an den Zeichenblock zu setzen – allerdings schüchtert mich der Technikaspekt doch ziemlich ein. Vielleicht mache ich es, wenn mir dieses Apfelmotiv, das ich momentan trage, noch weiter auf den Geist geht. So in etwa – wie Jesus R. Velasco es so schön vorgemacht hat – könnte ich es mir auch hier vorstellen. Die Frage ist nur, ob ich vor lauter Gestaltung nicht den eigentlichen Zweck des Blogs, nämlich regelmäßig zu schreiben, vernachlässige. Mehr oder weniger bewusst vernachlässige. Ich habe das Gefühl, Arbeitsvermeidung geht manchmal seltsame Wege – die meist noch mehr Arbeit verursachen.

Letzte Idee des Tages: Obwohl ich heute nach langer Zeit wieder joggen war und einen unglaublich gesunden Apfel und zwei unglaublich gesunde Sandwichs mit allem möglichen Grünzeugs hatte, lässt mich die Idee eines Yogurette-Kuchens nicht los. Ich glaube, ich werde mit der Erfindung des Yogurette-Kuchens in die Unsterblichkeit eingehen. Die missglückten Versuche kann ich ja essen.


Wirbelnd und minderberechtigt

2 04 2009

Hin und her fallen sie, meine Gedanken. Soeben noch tief versunken in literarischen Betrachtungen, die ich für immer fortsetzen wollte, jetzt umherwirbelnd in Farben und Linien, obwohl ich mir doch geschworen habe, der Kunst als reine Illustration fürs erste zu enthalten – sie sozusagen nur als Endschliff einzusetzen. Doch was stört’s meine Gedanken? Ich kann kein Buch mehr in die Hand nehmen und denke nur noch in Bildern. Fange ich an mit Zeichnen und Entwicklen, drängt es mich zurück zum Schreiben.

Man fühlt sich wie ein Minderberechtigter im Abstimmungsprozess. „Wer ist für einen Kochflash?“ zack, sind alle Hände oben, ein Teil erstellt schon die Rezeptliste, der nächste schnuppert schon dem Mahl vor und ich? Lasse resigniert das Buch niedersinken, bette ein Lesezeichen zwischen die Seiten und frage mich, wann ich wohl wieder zu ihm zurückkehren werde. Denn früher oder später kommt die Idee, der Anfall, der mich alles fallen lassen lässt mit eine grandiosen Idee – und ich schwöre: wäre diese Idee nicht grandios, dann würde ich auf das System Durchhalten setzen. Doch mein Hirn scheint das Eichhörnchen-System zu mögen: Busch entdecken, einmal rundherum huschen, hastiges Loch buddeln, Nuss reinschmeißen, alles wieder drüber und nix wie weg. Und alles was ich tun kann, ist vertrauen, dass sich die ganzen Bruchstücke irgendwann zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen, das im Einklang ist. Wie das geschehen soll, ist mir schleierhaft, aber das ist ja die Art und Weise, wie ich manche Dinge momentan erledige, auch.


Nichts ist realer als ein Traum

1 04 2009

„Meine Träume – was wäre ich nur ohne sie?
Oft wälze und kaue ich wochenlang auf einer Frage herum.
Wie finde ich es? Wie stehe ich dazu? Wie soll es weitergehen?
Ich finde einfach nicht das passende Gefühl, das einrastet. Die Frage kommt immer und immer wieder hoch, weil ich keine Antwort finde. Und dann kommt ein Traum, in seiner Entstellung direkter als alles andere. Die Welt im Traum sieht nicht so aus, wie du dich mit ihr arrangiert hast. Alles ist, wie du es immer verdrängen wolltest – dank positiven Denkens, Meditationen, Erfolg, Liebe und Ansehen. Doch es bricht alles durch und mit ihm die Antwort: ein überwältigendes Gefühl, das dich so wunderbar ergänzt und dich doch wieder so herausreißt aus deinen Ansichten.

Der ganze Tag ist dann versunken, wertlos, angesichts dessen, was du in dir gesehen hast.
Wird das Erblickte jedoch nicht übersetzt, ausformuliert, verlischt die Erinnerung und die Lösung.“

Geschrieben habe ich das im Oktober letzten Jahres. Damals erschien es mir als zu emotional und ich habe es in der Entwurfskiste liegen lassen. Doch momentan fühle ich wieder dasselbe – diese behrerrschende Kraft.

Wie unangenehm tief Träume gehen.


„Rot ist mein Name“

30 03 2009

„Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug, schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls gefühlt, um sicherzugehen, dass ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen. Mein Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich zertrümmert, meine Strin, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen brachen, mein Mund füllte sich mit Blut.“

Erster Absatz aus dem Buch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk. Nobelpreisträger 2006 nebenbei. Dachte, ich sollte mal was von ihm gelesen haben. Noch zumal es in diesem Buch um Instanbul und die Kunst der Buchillustration geht. Mich interessiert besonders der Aspekt, wie Kunst in der Literatur beschrieben, allgemein behandelt wird. Aber vielleicht kommen auch ein paar Techniken von damals zu Tage, was ebenfalls den Kauf rechtfertigen würde. Neben dem Stil natürlich.

Tageszustand und Leseimpuls: Wenn man einfach nichts hinbekommt und der Tag einem quer im Magen liegt, man aber verrückt wird vom Nichtstun, dann hilft vielleicht lesen.

Gedanken zum ersten Kapitel: Nicht besonders anschaulich beschriebene Zustände, beispielsweise hatte der Protagonist ein „weites Gefühl“; wirklich erklären oder es den Leser fühlen lassen, kann er es nicht. Der Einstieg ist ein Appell des Getöteten, seinen Mörder zu finden und zu bestrafen und ein wenig Lamento darüber, dass er nicht gerade weich gebettet ist und sich selbst beim Verfaulen zuschauen muss.

Gute Idee dahinter: Der Leser hat sogleich selbst ein emotionales Interesse an der Klärung des Mordfalls und will interessiert weiterlesen und „helfen“. Als Nachteil empfinde ich die Sicht des Ermordeten, die irgendwie … unpassend ist. Also nicht die Tatsache, dass ein Ermordeter spricht, sondern seine Sichtweise. Vielleicht wegen dem Kulturkreis, doch die Art und Weise wie über Tod und Familie geredet wird ist gewöhnungsbedürftig, kühl, seltsam gespielt lamentierend über das Seelenheil und doch distanziert. Der Leser wird übrigens direkt angesprochen „ihr wollt sicher wissen…“ was die Einbindung des Lesers in das Buch natürlich darüber hinaus erleichtert.

Kapitelüberschriften sind auch interessant: „1. Ich bin tot“; „2. Mein Name ist Kara“. Sehr simpel und direkt. Gefällt mir. Kurze Kapitel von durchschnittlich sieben Seiten. Übrigens am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis über die Kapitel, was selten ist, aber ich deswegen umso mehr schätze. Zum Inhaltsverzeichnis ist noch mehr zu sagen – das allerdings, das nächste Mal.

Ärgerlich, dass ich kein Buch mehr zur Entspannung lesen kann. Ist sowieso lang her. Jetzt kommt mir das flüchtige Lesen der geschichtlichen Entwicklung wegen wie eine Missachtung des Buches vor. Ich muss einfach kurz reflektieren wie geschrieben wird, warum, und wie ich das Ganze aufnehme. Und wenn ich darüber nachdenke, lese ich es meist nochmals durch, fühle dem Klang nach, grüble über die Wort‑ und Personenwahl und ärgere mich darüber, dass ich nicht sorglos weiterlesen kann und dass ich, wenn ich sorglos weiterlesen würde, doch die ganze Zeit nur über das vorherige Kapitel nachdenken würde und dass ich es mir gerne genauer ansehen würde, um mein Gefühl zu konkretisieren. Eine Hölle, das Lesen ;).

Jetzt schenke ich dem Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, doch wo ist meine Erholung geblieben?

Achja, noch ein Gedanke zum Buch: Begriffsdefinition am Ende wäre hilfreich gewesen.

So, und jetzt besauf ich mich ordentlich mit Schokolade. Oder arbeite weiter. Aber ersteres hört sich wilder an :).