Kennst du deine Eltern nackt? (Audiobeitrag)
Sonntag Morgen: Die ganze Familie findet sich gähnend im Bad ein. Während der eine unter die Dusche taumelt, putzt der andere sich die Zähne oder zieht sich um. Es wird geschminkt, gekämmt, geföhnt und gesprayt, nach Modemeinung gefragt oder einfach nur rumgestanden. Schließlich ist es ja Sonntag. Ein Sonntag wie bei wohl allen – dachte ich bis jetzt immer.
Demletzt musste ich erkennen, dass das Gemeinschaftszimmer Bad wohl doch nicht in allen Familien existiert. Allein der Gedanke, zusammen mit anderen Familienmitgliedern das Bad zu teilen, fanden einige äußerst seltsam. „Im Bad bin doch nur ich?“ Und sie fragen weiter: „Schließt du etwa nicht ab?“ Nein, wieso auch? Das ist doch meine Familie. Die kennen mich doch! Kennst du deine Eltern etwa nicht nackt?
Und viele tun es nicht. Woran liegt das?
Bekanntlich – oder meiner beschränkten Erfahrung nach – sind besonders Ostdeutsche dem Körperlichen etwas aufgeschlossener. Man denke an die verbreiteten FKK-Strände, die hier im Ländle zwar langsam, aber stetig Zuwachs erhalten. Diese Konfrontation mit der Nacktheit bin ich auch nicht unbedingt gewöhnt, und ist mir auch eher unangenehm. In der Familie halte ich Nacktheit jedoch für normal.
Gerade was meinen Körper angeht, hat es mir, glaube ich, viel geholfen zu wissen, wie meine Mutter nackt aussieht. „Ah, so werde ich wohl auch mal aussehen“. Im Nachhinein stimmte das eher nicht. Wo sind die langen Beine geblieben? Und das Endlos-essen-können-ohne-zuzunehmen? Und blond bin ich dann leider auch nicht mehr geworden. Aber es war eine Orientierung. Besser als jede, die ich in irgendeiner verschnodderten Bravozeitung oder Modelshow hätte finden können. Ich hab meinen Anker, ich sehe ungefähr so aus wie meine Mutter und das ist auch unterbewusst mein Ziel. So wie Hunde ihren Besitzern gleichen (ein besseres Beispiel ist mir leider spontan nicht eingefallen).
Ein Nachteil des Nicht-Abschließens sind Tage, an denen Besucher da sind. Ich entschuldige mich hiermit bei allen, die mich sekundenweise entblößt sehen mussten. Ich weiß. Trauma. Aber auch beim Baden kommen die Tücken dieser Offenheit zum Vorschein. Beispielsweise wenn die kleine Schwester schnell reinschaut, um was zu fragen und dann die Tür nicht zumacht. Es zieht. Es wird immer kälter. Man ruft nach der netten Schwester, sie möge doch die Tür schließen. Das hört diese dank der neuen Lautsprecher aber schon längst nicht mehr. Verzweifelte Rufe hallen durchs Haus, aber aufstehen will man ja nicht. Es ist ja grad so huschelig…aber man hat keine Wahl.
Trotzdem kenne ich es nicht anders. Im Internet findet man ein paar Foreneinträge dazu. Einige sind dieser Fragestellung geschickt ausgewichen: Eine eigene Etage, zwei Badezimmer, unterschiedliche Nutzungszeiten oder ein undurchsichtiger Duschvorhang machen eine klare Stellungsnahme zum Nackt-sein unnötig. Vorteil eines undurchsichtigen Duschvorhanges ist, dass die Schwester nicht markterschütternd schreit, wenn man schaumerblindet das falsche Shampoo ergreift. Aber zurück zum Thema. In folgender Umfrage (die Seriosität darf angezweifelt werden) fällt das Ergebnis eher negativ aus: Mehr Menschen ziehen sich lieber nicht vor ihrer Familie aus. Manche beschreiben es gar als einen Eingriff in ihre Intimsphäre. Dabei denke ich, dass gerade meine Familie einen tieferen Einblick in meine Intimsphäre hat. Aber in der Pubertät ist einem auch einiges mehr peinlich. Da kann es schon extrem peinlich sein, wenn man erzählt, welche Joghurtsorte die Kleine nicht mag. Ja, große Schwestern sind unsensibel.
Nun Nacktheit hin, Nacktheit her. Ich springe gerne nackt durch die Gegend. Es macht mir Spaß, zum Leidwesen meiner Nachbarn, die sich schon nicht mehr trauen aus dem Fenster zu schauen. Ich stelle mir auch einen Tag ganz nackt sehr lustig vor, doch noch wohne ich in einer WG. Aber nur so mal weitergedacht, das häufige Kleckern wäre dann nicht mehr so schlimm.
Meine Eltern nicht nackt zu kennen, fände ich seltsam. Es ist wohl alles Gewöhnung. Doch auf seine Weise schafft Nackheit auch ein Gefühl der Verbundenheit. Vielleicht weil dafür auch gegenseitiges Vertrauen gegeben sein muss.
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Zum Weiterlesen:






hi,
bei deinem bild stimmt die auflösung nicht…tztztztz….das haben wir doch beim herrn lang gelernt….ansonsten ganz nett hier….
Lang? Ich kenne keinen Herrn Lang! ;)
Ein interessantes Thema. Damals in der Grundschule war ich schockiert als eine Freundin mir erzählt hat dass sie ihre Familie schon öfters nackt erlebt hat.
Meine Schwester und meine Mutter habe ich schon ab und zu in Reizwäsche gesehen,aber total entblöst noch niemanden. Mir persönlich wäre es ziemlich unangenehm nackt in der Dusche zu stehen und zu Wissen dass jeder rein und rausmarschieren und mir dabei zusehen kann, so wie es jedem gerade gefällt.Deshalb schließe ich ab! Es wirklich reine Erziehungssache, für manche ist es natürlich für andere ist es ein Tabu-Thema. Aber deshalb fühle ich mich zu meiner Familie nicht weniger verbunden. Ganz im Gegenteil: meine Familie steht für mich an erster Stelle und ich weiß dass ich meiner Mutter (oder Schwester) alles anvertrauen kann, dass sie mich immer unterstützen werden und zu mir stehen werden ganz egal was ich tue.
Erstmal: Kompliment dass du dich an die Grundschule erinnerst.
Zweitens: Immer wieder schön, wie schnell du antwortest. Und wie viel!
Drittens: Nur für dich war die Vertonung und dann nicht mal eine abfällige Bemerkung? Ich bin enttäuscht. Dabei habe ich sogar im Zuckerrausch einen furchtbaren Fränzösisch-Verschnitt online gestellt.
Und jetzt zum eigentlichen Thema: Der Familiennackideis. Du bist also auch so einer. Unglaublich, dass es sowas gibt. Ich wollte nicht unterstellen, dass angezogene Familien sich nicht so nah stehen, wie freizügige. Ich wollte nur genauer beschreiben, was es für mich symbolisiert.
Meine Familie unterstützt mich auch und wir vertrauen uns gegenseitig unsere Sorgen-Speckringe an. Bloß woran liegt es, dass es in manchen Familien so ist und in manchen nicht.
Ich glaube, die Meisten machen es in ihrer Familie so, wie sie es aus ihrer Kindheit kennen. Und dann gibt es die rebellisch Nackt-Rumspringenden. Und was ist, wenn die zwei Gegensätze zusammenfinden und neue Familienregeln aufsetzen müssen? Kann so etwas ein Problem in einer Beziehung sein? Und gibt es Leute, die aus einer lockeren Familie stammen und wieder ins Angezogene zurückfallen? An und für sich ein mysteriöses Thema.
Danke für die Vertonungen, leider bin ich noch nicht dazu gekommen sie mir anzuhören. Bin leider zur Zeit ein wenig im Stress , aber keine Sorge ich werde sie auf jeden Fall noch kommentieren :)
Was die die Nackideis (das Wort finde ich lustig ^^) betrifft, ich kann immer noch nicht glauben das sowas in manchen Familien üblich ist. Ehrlich gesagt kann ich mir das gar nicht vorstellen.Schwieirg , schwierig. Wer weiß, vllt ändere ich ja meine Einstellung wenn ich meinen Gegensatz finde (oder umgekehrt). Oder es ist uns beiden schlicht egal! Solange sich niemand unwohl fühlt, muss auch keine Regel zum Thema Nackidei (smile) aufgestellt werden!
Ps: dein Blog ist ne angehmene Ablenkung für mich, daher die schnellen Antworten.Du bist auch sehr schnell. 1,5 Stunden später hast du auf meinen Kommentar geantwortet. Rekordzeit wahrscheinlich!
Hallo Lysann,
auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum sich die Einstellung zur Nacktheit offenbar auch durch Erziehung nicht übertragen läßt, bin ich auf Dein Blog gestoßen. Sehr interessant, sehr nett, sehr sympathisch. Mein Kompliment!
Kann man Beiträge löschen? Der von tgzhjk am 27. September ausgebrachte Link gehört wirklich NICHT hierher. Da hat jemand zwei Dinge miteinander verwechselt.
Zu meinem bereits angedeuteten Thema: Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Nacktheit ein Tabu war, auch unter den Familienmitgliedern. Darüber habe ich mich selbst aktiv hinweggesetzt. Später habe ich eine Frau gefunden, die ähnliches erlebt hat wie ich. Bei uns zu Hause gehen wir auch eher unverkrampft mit Nacktheit um, ⅾ. h. gehen morgens oder abends auch einmal nackt durch die Wohnung – zumal wir ohne Kleidungsstücke schlafen (das ist eine Frage der Gewohnheit). Unsere Kinder hingegen – inzwischen erwachsen – schließen sich ein und verbergen sich vor uns. Wir kommentieren das allerdings auch nicht besonders, weil wir ihre Intimsphäre schon respektieren und ihnen das auch zeigen wollen. Aber es wundert mich schon, daß es nicht möglich war, durch eine Vorbildwirkung eine Einstellung herüberzubringen. Sonst funktioniert Erziehung überhaupt ja eigentlich nur durch Vorbild. Man kann erzählen, was man will; die Kinder überzeugt nur, was sie in der Realität erleben.
Deinem journalistischen Tun wünsche ich weiterhin viel Erfolg.
willi‑ aus norddeutschland
Danke für deine Erfahrungen mit dem Thema! Es scheint auch eines der meistgelesenen Artikel des Blogs zu sein – aber vielleicht liegt es nur an der zweideutigen Überschrift ;-). Den Spamlink habe ich gleich gelöscht – ich war wirklich schon eine Weile nicht mehr auf dem Blog.
Dein Satz „Die Kinder überzeugt nur, was sie in der Realität erleben“ lässt darauf zurückschließen, dass du glaubst, es hätte an ihrem Umfeld gelegen – sehe ich das richtig? Außer sie haben jetzt aber mit Freunden zusammengelebt, denke ich hingegen, dass dieses Thema im Jugendkreis eigentlich nie aufkommt, oder anders vorgelebt wird, weil man bei solchen Gelegenheiten selten dabei ist und sich eigentlich auch nie die Gelegenheit ergibt, so ein Thema zu diskutieren. Wieso sollte man auch unter Freunden besprechen, wie die Eltern nackt aussehen? Es bleibt schon in der Familie bis man wirklich eng in eine andere Familie und ihre Lebensweisen mitreinrutscht, beispielsweise durch eine Beziehung. Da werden diese Unterschiede in den Lebenswelten schon deutlicher, würde ich sagen.
Allgemein ist das Nackt-sein, je mehr ich darüber nachdenke, auch keine alleinige Erziehungssache. Ich kann mich schon tausendmal nackt gezeigt haben – nach einem Streit jedoch, oder wenn irgendetwas nicht stimmt, will man sich nicht mehr so offen geben. Kleidung ist schon ein gewisser Schutz, auch Bekannten gegenüber.
Die dritte Sache, die mir zu deinem Beitrag einfällt, ist, dass Menschen irgendwie schon von der Persönlichkeit her eine gewisse Einstellung zur Nacktheit haben. Ich wage jetzt sogar die These, die leicht ins Klischee abrutscht, dass vergeistigte Menschen, weniger Kontakt zu ihren Körper haben und entsprechend nicht so leicht mit ihm umgehen, will heißen, ihn nicht unbedingt präsentativ kleiden und auch beim Nacktsein diese bewusste Körperlichkeit eher unangenehm ist. Ich denke, auch Schüchterne Menschen mögen vielleicht diese letzten Sicherheitsgrenzen nicht gerne fallen lassen.
Noch vertrackter wird das Ganze, finde ich, wenn eine sexuelle Beziehung zwischen einem Nacktheits-lieber und einem Verschlossenen entstehen. Denn im Grunde kennt man sich schon nackt, aber das war eben im Rausch der Gefühle. Sich täglich nüchtern nackt zu sehen hat schon eine ganz andere verwundbarere Dimension, die anscheinend doch weitergeht als allein der sexuelle Kontakt.
Es ist wirklich ein tiefgründigeres Thema, als man zunächst denkt.
Wenn ich an die Kindheit meiner Kinder zurückdenke, war die auch eher von – salopp gesprochen – Unverklemmtheit geprägt. Es gibt z. B. Fotos von Kindern mehrerer Familien auf dem Hof im Planschbecken – nackt. Die ältesten waren damals 11, die jüngsten 5 Jahre alt.
Du zitiertest meinen Satz „Kinder überzeugt nur, was sie in der Realität erleben“. Das bezog sich aber eindeutig auf das familiäre Umfeld. Aber möglicherweise ist Dein Hinweis auf den „Jugendkreis“ entscheidend: Denn wenn ich jetzt daran zurückdenke, was da los war, fällt mir auf, dass Nacktheit dort KEINE Rolle mehr gespielt hat. Wir Eltern haben uns da – wie bereits beschrieben – herausgehalten.
Eigentlich könnte es mir ja auch egal sein; schließlich soll doch jeder so leben, wie er sich wohlfühlt. Ich erlebe nur immer wieder, wie sehr ich es brauche, auch mal nackt zu sein, Luft auf der Haut zu spüren: Irgendwie beruhigt und entspannt es mich (sexuelle Erregung meine ich dabei gar nicht). Vielleicht geht es anderen Menschen ja anders, vielleicht sogar den eigenen Kindern…
Vielen Dank, Lysann, für Deine Gedanken. Sie haben Assoziationen geweckt und – vielleicht – mir geholfen, mich nicht mehr so sehr darüber zu wundern, dass meine Kinder andere Vorlieben haben als wir Eltern.