Kleine chinesische Geschichte

12 11 2008

Ein alter Mann lebte einst in einem kleinen Dorf. Er war arm, doch selbst Könige beneideten ihn, denn er besaß ein weißes Pferd, wie es weit und breit nicht zu finden war. Sie boten ihm viel Geld für das Pferd, aber der Mann wollte sein Pferd nicht hergeben.

Eines Morgens jedoch stand sein Pferd nicht mehr im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen werden würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Was für ein Unglück!“

Der alte Mann sagte: „Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Denn das ist die Tatsache; alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist, oder ein Segen, weiß ich nicht, weil dies ja nur ein Bruchstück ist. Wer weiß, was daraus folgen wird?“

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war. Aber nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und es brachte dazu noch sechs wilde Pferde mit.

Wieder versammelten sich die Leute, und sie sagten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.“

Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: Das Pferd ist zurück. Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz – wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Die Leute wussten darauf nicht viel zu sagen, aber sie dachten, dass es der Alte mit seiner Ansicht übertrieb. Schließlich hatte er sechs prächtige Pferde dazugewonnen, als alles verloren schien.

Der alte Mann hatte einen Sohn. Dieser versuchte die Wildpferde zu zähmen. Doch eine Woche später fiel er dabei unglücklich vom Pferd und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Du hattest wieder recht! Es war ein Unglück! Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“

Doch der Alte antwortete: „Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob das ein Unglück oder ein Segen ist. Das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es begab sich, dass das Land kurz darauf von einem Krieg überschattet wurde. Alle jungen Männer des Ortes wurden eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war, und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht zurückkehren würden.

Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann – es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind nun für immer fort.“

Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß, wozu die Tat letzlich dient! Man kann nur dies sagen: Eure Söhne sind in die Armee eingezogen worden und mein Sohn nicht. Doch nur wer alles überblickt, kann wissen, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

Diese Geschichte wächst mir immer mehr ans Herz. Das ist die volle Version, zum Genießen und Nachdenken.


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3 Antworten zu “Kleine chinesische Geschichte”

14 11 2008
Heike (11:46:17) :

Diese Geschicht hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Stammt sie von Dir?
Wenn nicht, woher hast Du sie?

15 11 2008
Lysann (08:04:55) :

Nein, es ist eine alte chinesische Geschichte. Ich habe sie das erste Mal in der Schule gehört – damals hat sie mir aber nicht viel gesagt. Erst jetzt wird mir öfters klar, wie wahr sie doch ist. Vor allem, wie hilfreich diese Philosophie sein kann, das Leben offener zu sehen und die Chancen in den Problem zu erkennen.

14 05 2010
Jaglin (17:18:15) :

ich hätte nie gedacht das mich eine Geschichte so Zum Nachdenken bringen kann.

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