„Rot ist mein Name“

30 03 2009

„Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug, schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls gefühlt, um sicherzugehen, dass ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen. Mein Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich zertrümmert, meine Strin, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen brachen, mein Mund füllte sich mit Blut.“

Erster Absatz aus dem Buch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk. Nobelpreisträger 2006 nebenbei. Dachte, ich sollte mal was von ihm gelesen haben. Noch zumal es in diesem Buch um Instanbul und die Kunst der Buchillustration geht. Mich interessiert besonders der Aspekt, wie Kunst in der Literatur beschrieben, allgemein behandelt wird. Aber vielleicht kommen auch ein paar Techniken von damals zu Tage, was ebenfalls den Kauf rechtfertigen würde. Neben dem Stil natürlich.

Tageszustand und Leseimpuls: Wenn man einfach nichts hinbekommt und der Tag einem quer im Magen liegt, man aber verrückt wird vom Nichtstun, dann hilft vielleicht lesen.

Gedanken zum ersten Kapitel: Nicht besonders anschaulich beschriebene Zustände, beispielsweise hatte der Protagonist ein „weites Gefühl“; wirklich erklären oder es den Leser fühlen lassen, kann er es nicht. Der Einstieg ist ein Appell des Getöteten, seinen Mörder zu finden und zu bestrafen und ein wenig Lamento darüber, dass er nicht gerade weich gebettet ist und sich selbst beim Verfaulen zuschauen muss.

Gute Idee dahinter: Der Leser hat sogleich selbst ein emotionales Interesse an der Klärung des Mordfalls und will interessiert weiterlesen und „helfen“. Als Nachteil empfinde ich die Sicht des Ermordeten, die irgendwie … unpassend ist. Also nicht die Tatsache, dass ein Ermordeter spricht, sondern seine Sichtweise. Vielleicht wegen dem Kulturkreis, doch die Art und Weise wie über Tod und Familie geredet wird ist gewöhnungsbedürftig, kühl, seltsam gespielt lamentierend über das Seelenheil und doch distanziert. Der Leser wird übrigens direkt angesprochen „ihr wollt sicher wissen…“ was die Einbindung des Lesers in das Buch natürlich darüber hinaus erleichtert.

Kapitelüberschriften sind auch interessant: „1. Ich bin tot“; „2. Mein Name ist Kara“. Sehr simpel und direkt. Gefällt mir. Kurze Kapitel von durchschnittlich sieben Seiten. Übrigens am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis über die Kapitel, was selten ist, aber ich deswegen umso mehr schätze. Zum Inhaltsverzeichnis ist noch mehr zu sagen – das allerdings, das nächste Mal.

Ärgerlich, dass ich kein Buch mehr zur Entspannung lesen kann. Ist sowieso lang her. Jetzt kommt mir das flüchtige Lesen der geschichtlichen Entwicklung wegen wie eine Missachtung des Buches vor. Ich muss einfach kurz reflektieren wie geschrieben wird, warum, und wie ich das Ganze aufnehme. Und wenn ich darüber nachdenke, lese ich es meist nochmals durch, fühle dem Klang nach, grüble über die Wort‑ und Personenwahl und ärgere mich darüber, dass ich nicht sorglos weiterlesen kann und dass ich, wenn ich sorglos weiterlesen würde, doch die ganze Zeit nur über das vorherige Kapitel nachdenken würde und dass ich es mir gerne genauer ansehen würde, um mein Gefühl zu konkretisieren. Eine Hölle, das Lesen ;).

Jetzt schenke ich dem Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, doch wo ist meine Erholung geblieben?

Achja, noch ein Gedanke zum Buch: Begriffsdefinition am Ende wäre hilfreich gewesen.

So, und jetzt besauf ich mich ordentlich mit Schokolade. Oder arbeite weiter. Aber ersteres hört sich wilder an :).


Götterkinder

27 03 2009

Gedanken zur Liebe:

Ist es nicht schön, wenn all das, was du verehrst, dich anblickt?

Ich meine damit die Situation, wenn eine Person, die man liebt mit bestimmten Eigenschaften, die man verehrt, einen bemerkt und die Liebe erwidert. Tritt man dann durch diese Liebe nicht auch in Kontakt zu diesen Prinzipien, die diese Person verkörpert? Plötzlich liebt einen die Kunst durch den Künstler zurück. Durch andere Menschen kann man im Grunde eine Beziehung mit etwas ganz Abstraktem haben.

Man kann beispielsweise mit der Pünktlichkeit höchstpersönlich zusammensein. Natürlich braucht man dazu auch etwas Überhöhung, die aber jede Frau mit Leichtigkeit erschaffen können sollte.


„Die Liebe sollte sich rueckwaerts abspielen“

22 03 2009

Ein wundervolles Stück Sprache gefunden bei B.Freith – Texte mit Stimme:


Diese Kunst

22 03 2009

vom 24. Februar

Drang ein Bild in mich ein
hallte an den leeren Wänden wieder
zerstäubt in Farbwolken
zieht es über mein Land

diese Kunst

ich nehme die Autoschlüssel vom Tisch, lasse die Tür hinter mir offen und gehe hinaus, die Treppe hoch zu einem Auto. Die Tür schwingt auf und ich klettere hinein. Ich starte den Motor, das Licht geht an, das Radio springt an, ich löse die Bremse. Ich bin unterwegs. Und ich werde so lange fahren bis ein Bild mich erreichen wird. Bis dahin folge ich der gemächlichen Leere des Lebens, die überall über den Feldern liegt und meinen Blick verschleiert hat. 5ter Gang. Geradeaus auf endlosen Autobahnen fahrend. Berge. Holländische Weiten. Buschpalisaden. Häuserinseln. Immer weiter. Mitte, rechts, mitte, rechts, ganz links, rechts zurückfallend. Und der Gedanke, nicht zurückkehren zu müssen, nichts erfüllen zu müssen, macht mich ruhiger. Nur geradeaus. Und nichts bleibt bestehen.


Anna Karenina (175–221)

21 03 2009

Kaum aufgeschlagen, schon eine herrliche Stelle entdeckt:

“ ‚Du Blaffköter!‘ dachte er im stillen, als er sich das Geschwätz des berühmten Arztes über die Krankheitssymptome seiner Tochter anhören musste. Der Arzt hingegen konnte nur mit Mühe seine Verachtung gegen diesen rückständigen alten Aristokraten verbergen und sich auf sein tiefes geistiges Niveau herablassen.“ (S.178)

Wunderbares Wechselspiel. Wieder eine klasse beschriebene „Beziehung“. Alles in allem – eine präzise Beschreibung des „Ärzte-Spiels“:

„Man versuchte ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, und nun zeigte es sich, dass der Arzt zwar sehr lange und schön geredet hatte, dass es aber ganz unmöglich war, wiederzugeben, was er eigentlich gesagt hatte.“ (S.182)

Zwei weitere schöne Charaktersätze:

“ ‚Von der Nilsson wollen Sie wegfahren?‘ fragte Betsy entsetzt, obwohl sie völlig außerstande war, die Nilsson von einer beliebigen Choristin zu unterscheiden.“

“ ‚Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen erlöst werden‘, sagte Betsy in Erinnerung an irgend etwas, das sie einmal von irgend jemand gehört hatte.“ (beides S. 194)

Weitere schöne Worte. Alles Perlen, die ich hier vom Klang zu verstehen und zu bewahren versuche…

“ ‚Liebe‘, wiederholte sie langsam und innig und fügte plötzlich hinzu, als sie ihre Spitzen losgehakt hatte: „Ich mag dieses Wort deshalb nicht, weil es für mich zuviel bedeutet, viel mehr, als Sie begreifen können.“ Sie sah ihm voll ins Gesicht. „Auf Wiedersehen!“

„[...] er fühlte, dass er vor etwas Unlogischem und Unsinnigem stehe, und er wusste nicht, was er tun solle. Alexej Alexandrowitsch stand jetzt dem Leben gegenüber, der Möglichkeit, dass seine Frau noch einen andern liebe als ihn, und das schien ihm vollkommen sinnlos und unbegreiflich, weil es eben das wirkliche Leben war. Alexej Alexandrowitsch hatte sein Leben lang in der Atmosphäre seines Amtes gelebt und gearbeitet, wo er es immer nur mit einem Abglanz des Lebens zu tun hatte. Und jedesmal, wenn er mit dem wirklichen Leben zusammenstieß, wich er ihm aus.“ (S. 213)


Stimmung, Darling!

21 03 2009

Ohja diese Stimmungen… manche mögen mich als launisch beschreiben, als anstrengend und für mich sind meine extremen Stimmungen meist auch sehr kräftezehrend. Sich wie alles fühlen zu können kommt einem wie ein Fluch vor – aber sieh, gestern das gleiche. Eine Stimmung, das passende Lied und da stehen sie: 8.000 Zeichen reinste Literatur. Voller Bilder, Dialogfetzen, Gedanken reif zum Weiterverabreiten. So kraftvolle Sätze – man kommt sich wie gemelkt vor. Ein seltsamer Vorgang und doch… wenn ich es mir jetzt durchlese kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich das alles in mir trage. Das Wunder des Schreibens.

Ich kann eine sehr anrührende Geschichte empfehlen, gelesen/gesehen auf FAZ, und, ja, was soll man sagen – eines dieser Geschichten, die einem lange nachhängen:

Die Grundlage: Eine kleine Slideshow

Die Weiterführung: Die Geschichte dahinter

Kennt ihr das? Habe mich begeistert in Anna Karenina gelesen, hervorragend!, doch passt die Geschichte gerade nicht. Ich würde wirklich gerne weitelesen, aber es ist wie „Titanic“-Schauen an einem Frühlingsmorgen. Es passt einfach nicht. Ich hoffe die richtige Stimmung zieht bald auf bevor die ganzen Charaktere verblassen.

Und weiter geht’s…


Flightless Bird – American Mouth

20 03 2009

Dieses Lied raubt mir meine Realität.


Anna Karenina (96–174)

19 03 2009

Folgende Stelle:

„… und ehe Kitty sich besinnen konnte, fühlte sie, dass sie nicht nur in Annas Bann geraten war, sondern dass sie sich auch in sie verliebt hatte, wie sich eben junge Mädchen manchmal in verheiratete Frauen verlieben, die etwas älter sind als sie.“ (S. 110)

Woher WEIß Tolstoj das nur? Das Interessante ist, dass ich solche Stellen lese und dann eine Seite später immer noch daran denke. Diese menschliche Bewegung ist so perfekt beschrieben, man könnte meinen es sei ihm selbst passiert. Nochzumal es eine Regung ist, die einem selten bewusst wird. Das also noch zu dem Punkt, Tolstoj schreibe sehr einfühlsame Liebes-Szenen. Er scheint sich ja in alles einfühlen zu können. Und die Liebesgeschichte ist so spannend, wie es solche Geschichten nunmal zu sein pflegen.

Tolstoj schreibt auch sehr sinnlich. Es gibt eine wunderbare Passage hier darüber, wie sich Kitty in ihrem Ballkleid schön „fühlt“. Das Ganze ist so geschrieben, dass man förmlich ihre Attraktivität zu berühren glaubt. Aber ich gebe zu, ich bin zu faul, diese doch fast eine Seite umfassende Beschreibung hier abzutippen. Dafür dieser kleine Satz, der eben jene Sinnlichkeit im Kleinen sehr gut demonstriert:

„In den entblößten Schultern und Armen spürte sie etwas wie Marmorkälte, ein Gefühl, das sie besonders gern hatte.“ (S. 118)

Seite 150. Zu spannend um etwas schreiben zu können. Es entwickelt sich unaufhaltsam. Ich liebe diese Auswegslosigkeit in Romanen und frage mich, ob unser eigenes Leben auch mehr oder weniger durch uns selbst  bereits festgelegt ist.

Seite 155 „HA!“ Schauer schütteln mich, ich halte das einigermaßen schwere Buch ganz auf Augenhöhe, kralle es, kann kaum atmen „Ha!“ Ok, so viel: Man kennt ja den Ablauf dieser Liebesgeschichten – aber ich schwöre, sie sind alle nur ein Abklatsch dieser. Man muss es sich vorstellen wie Platons Ideen, die den verkümmerten, unvollkommenen realen Dingen als Vorlage dienen.

Herrlich auch diese Stelle. Nebenbei gesagt – schon an dieser Stelle hat sich Tolstoj bei mir einen Platz als Lieblingsschriftsteller sichern können. So leicht kann er ihn nicht mehr verlieren, aber ich hoffe der Rest des Buches gibt auch keinen Anlaß zum Punktabzug.

„Wronskij hatte in dieser Nacht nicht einmal versucht, einzuschlafen. Er saß auf seinem Platz und starrte vor sich hin, oder er musterte die Ein‑ und Aussteigenden, und wenn er schon früher Leute, die ihn nicht kannten, durch die unerschütterliche Ruhe in seinem Gesicht überrascht und gereizt hatte, so schien er jetzt erst recht stolz und selbstbewusst. Er betrachtete die Menschen wie Sachen. Ein nervöser junger Mann, Beamter beim Kreisgericht, der ihm gegenübersaß, begann ihn wegen dieser Miene richtig zu hassen. Der junge Mann bat ihn um Feuer, versuchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, stieß ihn sogar an, um ihn fühlen zu lassen, dass er kein Ding, sondern ein Mensch sei, aber Wronskij sah ihn ebenso gleichgültig an wie die Laterne, und der junge Mann schnitt Gesichter, weil er fühlte, dass er unter dem Druck dieser Weigerung, ihn als Menschen anzuerkennen, beinahe seine Selbstbeherrschung verlor.“ (S. 157)

Ist das nicht eine prächtige Beschreibung? Herrlich, diese Situationskomik, einfach grotesk dieses Zusammenspiel der beiden. Dabei ist es ja nur eine kleine Randszenerie, einfach so eingestreut, und doch… es liest sich wie ein kleiner Psychologieexkurs.

Och, schon der erste Teil zu Ende? Naja es gibt ja sechs, wie ich gerade gesehen habe beim Durchblättern. Am liebsten würde ich das Buch gar nicht aus der Hand legen, aber ich möchte auch nicht durch fehlende Aufmerksamkeit etwas von seinem Reiz verpassen.


Anna Karenina (41–95)

19 03 2009

„Er ging aufs Eis hinunter und vermied es, sie lange anzusehen, wie man nicht in die Sonne sieht, aber er sah sie wie die Sonne, auch ohne hinzuschauen.“ (S.47)

„Er fühlte, dass seine Sonne sich ihm näherte.“ (S.48)

“ ‚Heutzutage wird man nicht mehr so verheiratet wie früher‘, dachten und sagten alle diese jungen Mädchen und sogar alle älteren Leute. Wie man aber heutzutage seine Töchter verheiratete, das konnte die Fürstin von keinem Menschen erfahren. Die französische Sitte, dass die Eltern über das Schicksal der Kinder entscheiden, hatte in Russland keinen Eingang gefunden und wurde verworfen. Die englische Sitte, den jungen Mädchen völlige Freiheit zu lassen, wurde ebenfalls nicht anerkannt und war in der russischen Gesellschaft unmöglich. Und die russische Sitte der Heiratsvermittlung galt als völlig absurd, und alle machten sich darüber lustig, auch die Fürstin selbst. Wie aber die Mädchen heirateten und wie man sie verheiratete, das wusste kein Mensch.“ (S. 71)

Heidenei! Dieser Tolstoj schreibt erstklassige Heiratsantragsszenen! Mir war nie so sehr bewusst wie einfühlsam genau auch Männer die Gefühlsregungen wiedergeben können – meistens meiden sie es ja. Doch Tolstoj liefert mit dieser Antragsszene einwandfreies Frauen-Schmacht-Material ab. puh… ich bin wirklich hin und weg. Dieses Buch ist einfach klasse. Nicht zu übertrieben emotional, genau genug, um mitempfinden zu wollen, mehr zu sehen, tiefer zu verstehen.

So, hundert Seiten geschafft und ich muss dringend etwas essen. Was besonders auffällt, ist der wohltuende Erzählrhythmus. Das Buch ist keines dieser Shows, bei denen die Ereignisse mehr oder weniger vorhersehbar aufs Stichwort die Geschichte wieder anschubsen. Nein, in „Anna Karenina“ läuft alles genau richtig, es ist ein bestimmter Lebensrhythmus der die Geschichte wohlausbalanciert aber nicht gemächlich wirken lässt. Es ist ein angenehmer Spaziergang, auf dem man eine Geschichte erzählt bekommt, die einen einfach fesselt, aber auf eine so sanfte, charmante Art, dass es einfach hinreissend ist. Verglichen beispielsweise mit heutigen Büchern  – oder sagen wir besser Büchern, die ich bisher gelesen habe – in denen immer eine bestimmte Handlungsabsicht (der ist böse, der will die Weltherrschaft, der kämpft ums Überleben) die gesamte Geschichte herumkommandiert, anstatt es wie Tolstoj unter dem „Alltäglichen“ groß rumoren zu lassen, ohne es deswegen lauter oder noch offensichtlicher zeigen zu wollen.

Hier schließe ich, der Beitrag ist ja schon wieder so lang.


Anna Karenina (1–40)

19 03 2009

Ein sehr zartes Buch liegt in meinen Händen. „Anna Karenina“ von Lew Tolstoj, in der empfohlenen Übersetzung von Gisela Drohla, herausgegeben vom Insel Verlag. Die Seiten sind hauchzart, das Buch faustdick. Ich bin sehr gespannt, was mich wohl erwartet. Gerade die Charakterzeichnung, die Technik des Gesellschaftromans, die Gefühlsdarstellung interessieren mich.

Nach zwei Seiten fällt mir schon die Leichtigkeit des Stils auf: Keine mühsam zu überwindenden Beschreibungen, alles gut vorstellbar, der Tonfall hat etwas … noch undefinierbares, faszinierendes. Lustigerweise fällt direkt in der zweiten Szene das Wort „Darmstadt“, das in einem Traum des Protagonisten wohl eine Rolle spielte. Das fühlt sich an, wie ein seltsamer Ruf, wenn man hier in Darmstadt sitzt und ein russisches Buch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts liest.

Eine Stelle möchte ich hier gerne genauer unter die Lupe nehmen (S.8f):

„Am unangenehmsten war jener Augenblick gewesen, als er heiter und zufrieden aus dem Theater nach Hause kam, eine riesige Birne für seine Frau in der Hand, seine Frau nicht im Salon fand, zu seinem Erstaunen auch nicht im Arbeitszimmer, bis er sie dann im Schlafzimmer sah, den unglückseligen Brief in der Hand, der alles verraten hatte.

Sie, die immer besorgte, geschäftige und seiner Ansicht nach etwas beschränkte Dolly, saß mit dem Brief in der Hand regungslos da und sah ihn mit einem Ausdruck von Entsetzen, Verzweiflung und Zorn an.“

Was mir an den beiden Sätzen besonders auffiel, war die dreifache Aufzählung. Zuerst im ersten Satz: Er sucht sie 1. im Salon, 2. im Arbeitszimmer und findet sie 3. im Schlafzimmer. Auffälliger wird es dann beim zweiten Satz: die 1. besorgte, 2. geschäftige, 3. seiner Ansicht nach beschränkte Dolly sah ihn mit einem Ausdruck von 1. Entsetzen, 2. Verzweiflung und 3. Zorn an.

Beim ersten Lesen ist es mir nur wie ein auffallender Rhythmus vorgekommen, doch spätestens dann bei der Ausdrucksaufzählung wird es einem bewusst, was da im Text vor sich geht. Interessant finde ich das vor allem, weil ich solche Aufzählung auch gerne des öfteren mache, wenn ich ein bestimmtes Gefühl zu treffen versuche, dass zwischen all diesen Begriffen liegt. Doch ich dachte bis jetzt immer, das sei kein guter Stil. Schließlich soll man ja das „Zauberwort“ treffen (Novalis), also das eine passende Wort finden, statt Unmengen von Buchstaben zu verschwenden. Der Vorteil dieser Dreifach-Aufzählung ist zum einem dieser wundervolle Rhythmus – jedenfalls mir gefällt er sehr – und zum anderem die Steigerung. Eine gewisse Spannung baut sich auf, mit jedem Komma; oder übertragen mit jedem Ort an dem Stepan seine Frau nicht findet.

Lebensweisheiten, mit leichter Hand nebenbei eingestreut. Zwei Stellen dazu:

“ ‚Aber was in aller Welt soll ich jetzt tun?‘

Eine Antwort darauf gab es nicht, außer der allgemeinen Antwort, die das Leben auf alle verwickelten und unlösbaren Fragen gibt. Diese Antwort lautet: Man muss dem Tag leben, das heißt, vergessen.“ (S.11) (im Text heißt es wirklich „dem Tag“)

„Wenn es wirklich einen Grund gab, weshalb er die liberale Richtung der konservativen vorzog, der viele aus seinemn Kreisen anhingen, so lag dieser Grund nicht darin, dass er die liberale Richtung vernünftiger fand, sondern darin, dass sie seiner Art zu leben besser entsprach.“ (S.15)

Was mir auch gut gefällt, ist, dass Tolstoj seine Figuren und ihre Handlungen erklärt. In modernen Romanen – naja, mit Sicherheit nicht nur in der Moderne, bei Hemingway beispielsweise (sofern ich mich richtig erinnere) handeln die Hauptfiguren einfach. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Deutschunterricht, als wir die Beweggründe für dieses Handeln herausfinden mussten und ich habe es nicht sonderlich gemocht, Dinge in Verhaltensweisen hineinzuinterpretieren. Auf der anderen Seite bewundere ich Leute, die solche versteckten Zeichen lesen können und würde es gerne selbst können. Man sieht die Protagonisten jedenfalls handeln und reagieren, aber es bleibt alles distanziert, ein nüchterner Stil, der oft auch mit dieser hochgelobten Kürze einhergeht, die schon manchmal an Unhöflichkeit grenzt.

Bei Tolstoj ist es jedoch so, wie ich es mir bei vielen Büchern wünschen würde. Der Protagonist tut etwas – freut sich über seine Tochter – aber gleichzeitig wird diese Handlung auch mit Überlegungen des Protagonisten oder des auktorialen Erzählers hinterleuchtet, sprich: Während er seiner Tochter lächlend Pralinen schenkt, ist er sich bewusst, dass er sie seinem Sohn gegenüber bevorzugt und nennt auch gleich seinen erzieherischen Vorsatz, alle Kinder gleich behandeln zu wollen. Für mich macht es diese Szene gleich wertvoller, da ich vielleicht übersehen hätte, dass der Sohn ja noch im Zimmer ist und sich vielleicht benachteiligt fühlen könnte und darüber hinaus erfahre ich wieder etwas zu dem Protagonisten – nämlich dass er wie viele Menschen ehrenwerte Ansichten hat, aber in der Realität doch oft das „Unehrenwerte“ durchbricht. Das macht ihn für mich gleich menschlicher, realistischer.

So vierzig Seiten sind schon gelesen – von grob 1200. Das kann ja heiter werden. aber ich poste mal an dieser Stelle, damit meine Kommentare und Gedanken dazu einigermaßen übersichtlich sind