„Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug, schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls gefühlt, um sicherzugehen, dass ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen. Mein Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich zertrümmert, meine Strin, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen brachen, mein Mund füllte sich mit Blut.“
Erster Absatz aus dem Buch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk. Nobelpreisträger 2006 nebenbei. Dachte, ich sollte mal was von ihm gelesen haben. Noch zumal es in diesem Buch um Instanbul und die Kunst der Buchillustration geht. Mich interessiert besonders der Aspekt, wie Kunst in der Literatur beschrieben, allgemein behandelt wird. Aber vielleicht kommen auch ein paar Techniken von damals zu Tage, was ebenfalls den Kauf rechtfertigen würde. Neben dem Stil natürlich.
Tageszustand und Leseimpuls: Wenn man einfach nichts hinbekommt und der Tag einem quer im Magen liegt, man aber verrückt wird vom Nichtstun, dann hilft vielleicht lesen.
Gedanken zum ersten Kapitel: Nicht besonders anschaulich beschriebene Zustände, beispielsweise hatte der Protagonist ein „weites Gefühl“; wirklich erklären oder es den Leser fühlen lassen, kann er es nicht. Der Einstieg ist ein Appell des Getöteten, seinen Mörder zu finden und zu bestrafen und ein wenig Lamento darüber, dass er nicht gerade weich gebettet ist und sich selbst beim Verfaulen zuschauen muss.
Gute Idee dahinter: Der Leser hat sogleich selbst ein emotionales Interesse an der Klärung des Mordfalls und will interessiert weiterlesen und „helfen“. Als Nachteil empfinde ich die Sicht des Ermordeten, die irgendwie … unpassend ist. Also nicht die Tatsache, dass ein Ermordeter spricht, sondern seine Sichtweise. Vielleicht wegen dem Kulturkreis, doch die Art und Weise wie über Tod und Familie geredet wird ist gewöhnungsbedürftig, kühl, seltsam gespielt lamentierend über das Seelenheil und doch distanziert. Der Leser wird übrigens direkt angesprochen „ihr wollt sicher wissen…“ was die Einbindung des Lesers in das Buch natürlich darüber hinaus erleichtert.
Kapitelüberschriften sind auch interessant: „1. Ich bin tot“; „2. Mein Name ist Kara“. Sehr simpel und direkt. Gefällt mir. Kurze Kapitel von durchschnittlich sieben Seiten. Übrigens am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis über die Kapitel, was selten ist, aber ich deswegen umso mehr schätze. Zum Inhaltsverzeichnis ist noch mehr zu sagen – das allerdings, das nächste Mal.
Ärgerlich, dass ich kein Buch mehr zur Entspannung lesen kann. Ist sowieso lang her. Jetzt kommt mir das flüchtige Lesen der geschichtlichen Entwicklung wegen wie eine Missachtung des Buches vor. Ich muss einfach kurz reflektieren wie geschrieben wird, warum, und wie ich das Ganze aufnehme. Und wenn ich darüber nachdenke, lese ich es meist nochmals durch, fühle dem Klang nach, grüble über die Wort‑ und Personenwahl und ärgere mich darüber, dass ich nicht sorglos weiterlesen kann und dass ich, wenn ich sorglos weiterlesen würde, doch die ganze Zeit nur über das vorherige Kapitel nachdenken würde und dass ich es mir gerne genauer ansehen würde, um mein Gefühl zu konkretisieren. Eine Hölle, das Lesen ;).
Jetzt schenke ich dem Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, doch wo ist meine Erholung geblieben?
Achja, noch ein Gedanke zum Buch: Begriffsdefinition am Ende wäre hilfreich gewesen.
So, und jetzt besauf ich mich ordentlich mit Schokolade. Oder arbeite weiter. Aber ersteres hört sich wilder an :).







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