„Er ging aufs Eis hinunter und vermied es, sie lange anzusehen, wie man nicht in die Sonne sieht, aber er sah sie wie die Sonne, auch ohne hinzuschauen.“ (S.47)
„Er fühlte, dass seine Sonne sich ihm näherte.“ (S.48)
“ ‚Heutzutage wird man nicht mehr so verheiratet wie früher‘, dachten und sagten alle diese jungen Mädchen und sogar alle älteren Leute. Wie man aber heutzutage seine Töchter verheiratete, das konnte die Fürstin von keinem Menschen erfahren. Die französische Sitte, dass die Eltern über das Schicksal der Kinder entscheiden, hatte in Russland keinen Eingang gefunden und wurde verworfen. Die englische Sitte, den jungen Mädchen völlige Freiheit zu lassen, wurde ebenfalls nicht anerkannt und war in der russischen Gesellschaft unmöglich. Und die russische Sitte der Heiratsvermittlung galt als völlig absurd, und alle machten sich darüber lustig, auch die Fürstin selbst. Wie aber die Mädchen heirateten und wie man sie verheiratete, das wusste kein Mensch.“ (S. 71)
Heidenei! Dieser Tolstoj schreibt erstklassige Heiratsantragsszenen! Mir war nie so sehr bewusst wie einfühlsam genau auch Männer die Gefühlsregungen wiedergeben können – meistens meiden sie es ja. Doch Tolstoj liefert mit dieser Antragsszene einwandfreies Frauen-Schmacht-Material ab. puh… ich bin wirklich hin und weg. Dieses Buch ist einfach klasse. Nicht zu übertrieben emotional, genau genug, um mitempfinden zu wollen, mehr zu sehen, tiefer zu verstehen.
So, hundert Seiten geschafft und ich muss dringend etwas essen. Was besonders auffällt, ist der wohltuende Erzählrhythmus. Das Buch ist keines dieser Shows, bei denen die Ereignisse mehr oder weniger vorhersehbar aufs Stichwort die Geschichte wieder anschubsen. Nein, in „Anna Karenina“ läuft alles genau richtig, es ist ein bestimmter Lebensrhythmus der die Geschichte wohlausbalanciert aber nicht gemächlich wirken lässt. Es ist ein angenehmer Spaziergang, auf dem man eine Geschichte erzählt bekommt, die einen einfach fesselt, aber auf eine so sanfte, charmante Art, dass es einfach hinreissend ist. Verglichen beispielsweise mit heutigen Büchern – oder sagen wir besser Büchern, die ich bisher gelesen habe – in denen immer eine bestimmte Handlungsabsicht (der ist böse, der will die Weltherrschaft, der kämpft ums Überleben) die gesamte Geschichte herumkommandiert, anstatt es wie Tolstoj unter dem „Alltäglichen“ groß rumoren zu lassen, ohne es deswegen lauter oder noch offensichtlicher zeigen zu wollen.
Hier schließe ich, der Beitrag ist ja schon wieder so lang.






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