Ihr merkt, ich habe Ferien. Das bedeutet, dass ich unablässig lese, lese, lese und ganz schlimm: nachdenke. Denn das Nachdenken führt ja meist erst nach Tagen oder Wochen zu einem neuen Weg und bis dahin herrscht Chaos. Da hatten die Griechen recht, alles entsteht aus dem Chaos, aber man droht auch daran zu verzweifeln, denn der Verlust ist die andere Seite der Kreation. Nun denn, Philosophie für Anfänger beiseite, ich sammle momentan alle Blogs, die sich in irgendeiner Form mit Literatur beschäftigen. Sehr unterhaltsam. Meine Lesezeichenliste ist über die Zeit angeschwollen, dann wurde sie radikal niedergemetzelt, so dass nur die guten Wurzeln übrigblieben und jetzt quellen daraus neue Seiten hervor.
Bei guten Seiten folge ich den Links, der Blogroll, Feeds über Feeds mittlerweile, ein Wirrwarr aus Rezensionen, Buchdiskussionen, Fragmentgedanken, Layoutleere und – sehr oft anzutreffen – einschüchterndes Ich-spreche-kein-deutsch-mehr-sondern-nur-noch‑(ab)gehobene-literaturkritik. Ich bin sehr für Fremdwörter zu haben, ich mag es, assoziativ, in Schachtelsätzen oder abgehackt zu sprechen. Aber das geht zu weit, was da mitunter auftaucht. Wenn ich einen Satz mehr als einmal lesen muss, dann mag er kunstvoll sein, doch gehört er nicht mehr in die Kategorie „Diskussionsbeitrag“. Siehe folgender Kommentar:
„wollen Sie sich von ressentimentgeladenem widerspruch wirklich so rasch ins bockshorn jagen lassen ?
– und dies , zumal sich anhand der textgrundlagen dignität und hintergrund des kommentars so unschwer überprüfen lässt ? – –wie traurig für die literatur , wenn sie als “petit fours” beim teekränzchen gereicht wird –“
Diese Diskussion, auf die sich dieser Kommentar bezog, war sehr fruchtbar. Wobei, fruchtbar vielleicht das falsche Wort ist – Ergebnisse, nicht einmal klare Richtlinien konnten genannt werden, was einen Literaturblog nun wirklich ausmacht. Aber allein die Frage gestellt zu haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nachzulesen hier auf dem Blog von der Sprachspielerin.
Nun was macht einen Literaturblog aus? Ich beschäftige mich ja jetzt auch mit diesem … Metier? und es ist auffällig in wie viele Richtungen es in den Blogs Blüten treibt.
Angefangen mit meiner Recherche habe ich mit der Richtung der Rezensionblogs. Meiner Meinung nach ist eine präzise Rezension eine Kunst. Sie zeugt von feinem Sprachgefühl. Die meisten von uns ergeht es doch so: Wir lesen ein Buch und wissen nicht recht wieso, aber irgendwie gefällt es uns nicht. Bloß was ist es? Dieser Mangel an Feingespür, an Analysefähigkeit ärgert mich an mir selbst. Wie oft begegnet man doch Menschen die einfach so, etwas nicht mögen und es nicht einmal benennen können. Wie soll man es dann besser machen? Und vor allem: Wenn man mit einem „irgendwie“ zufrieden ist, vergibt man dann nicht die große Chance, die Dinge (Literatur, Kunst) klarer, differenzierter zu sehen? Stellt sich dann auch die Frage, wozu man Dinge denn differenzierter sehen will. Bei mir ist es ganz klar der Lernwille. Ich liebe es, Neues zu erfahren. Das gilt aber nicht für jeden. Was jedoch übertragbar ist, dass man durch differenziertes Wahrnehmen sich selbst besser wahrnehmen kann. Es ist nicht mehr „irgendein“ Gefühl, dass einen da rasend macht, sondern man kann es erkennen und dann die Reaktion selbst bestimmen. Ein großer Vorteil, wie ich finde. Allerdings sind auch nicht viele Menschen so scharf darauf, sich selbst zu verstehen. Die meisten sind noch am Ausgangspunkt: „Ich will es besser haben“.
Auffällig wie oft ich gerade in Grundlegendes abschweife. Zurück zu den Rezensionblogs. Die Buchwahl oder das Layout sagt einem meistens noch nicht, wie gut eine Blogkritik ist. Deshalb springe ich meisten direkt ans Ende des Beitrages und schaue mir das Urteil an. Wie gut kann der Rezensent seine Meinung ausdrücken? Wie viel sagt es mir? „Ausgezeichnet“, „Lustig“, „bestes Buch des Jahres“ – das alles hilft mir nicht viel weiter. Ja, ich mag lustig, aber welcher Humor ist es denn genau? Wie oft habe ich mir ein Buch gekauft, weil es als „unterhaltsam geschrieben“ o.ä. beschrieben wurde. Und wie oft war es unterhaltsam, nur nicht auf die Art unterhaltsam, wie ich das gern gehabt hätte. Doch wie soll man sich mitteilen, wenn man keine Worte dafür kennt? Ich denke, eine gute Rezension, sollte beim Leser nicht diese Differenziertheit voraussetzen. Wenn es eine richtig gute Rezension ist, dann liest man die Beschreibung, ein paar Sätze aus dem Buch, vielleicht ein paar Vergleiche und man kann es sich vom Gefühl her vorstellen. Also das, was jeder Leser ursprünglich, unreflektiert beim Lesen empfindet.
Ich zähle die Rezensionblogs daher zu den Literaturblogs dazu, weil diese Blogs für ihre Auseinandersetzung mit Literatur ein Gespür für Sprache besitzen müssen und dieses Verständnis von Literatur auch dem Leser näher bringen. Die Rezensenten erschaffen keine neuen Geschichten, aber sie bringen die Geschichten dem Leser näher. Das richtige Lesen ist eine wesentliche Grundlage für das Schreiben. Zugespitzt würde ich gerne sagen: Lesen ist die Grundlage für das Schreiben. In welche Fällen wäre diese Aussage falsch? Nun, Lesen ist deswegen als Grundlage anzusehen, weil es den Ausdruck des Menschen prägt. Das fällt auf, wenn man unmittelbar nach der Lektüre eines Goethe-Romans eine E-Mail schreibt. Jedenfalls bei mir. Also der Mensch wählt die Sprache, die Sprache formt wiederum den Menschen. Deswegen gefallen ein Buch und sein Stil nicht jedem (wie gern würde ich hier weiter ausholen…). Doch kann der Ausdruck eines Menschen auch von der Alltagssprache seiner Umgebung geprägt werden. Nehmen wir einen Adelssohn, der nie ein Buch gelesen hat und trotzdem parliert wie Knigge (der einen schönen Stil hatte, wie ich finde). Aber das Schöne an Literatur ist, dass man sich „seinen“ Stil suchen kann, ähnlich schreibende Schriftsteller finden, seinen Geschmack genauer definieren und sich dem Genuss des „Wiederfindens“ voll hingeben kann. Damit das geschehen kann, muss eigentlich in jedem Menschen schon ein gewisser „Tonfall“ vorhanden sein, eine Art, die Welt zu sehen. Mit Hilfe der Literatur kann man dann diese innere Sprache, den eigenen Ausdruck konkretisieren. Die differenzierte (Selbst‑)Wahrnehmung – das Ziel aller Literatur?
Nun, ich bin erstaunt zu welchen geistigen Höhenflügen ich mich manchmal hinreißen lasse. Ich habe Sorge, dass meine Gedanken noch viel zu kompliziert ausgedrückt sind – andererseits wollte ich einfach mal meine Ansichten niederschreiben, um sie so ordnen zu können. Ja, das sind so die Sachen, über die ich wirklich gerne nachdenke. Wenn ich mir das oben Geschriebene noch einmal so anschaue, dann kommt es mir so feuilletonistisch, theoretisch-abstrakt vor, wie die Preisträgerreden, die ich selbst nicht lese.







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