Anna Karenina (221–259)

5 04 2009

Mit einem schmerzenden Rücken liest es sich nicht gut und konzentriert – darum habe ich jetzt eine Weile mit der Lektüre pausiert. Mittlerweile halte ich es wieder in meinem liebgewordenen Ledersesselchen aus, daher hier die fortlaufenden Notizen zu Anna Karenina, meinem Sprachquell, meinem Psychologiebuch, meiner Bildfreude.

„In alle Einzelheiten deiner Gefühle einzudringen, habe ich kein Recht, ich halte das auch für nutzlos und sogar schädlich“, sagte Alexej Alexandrowitsch. „Wenn wir in unserer Seele wühlen, kommen oft Dinge zum Vorschein, die besser unbemerkt liegen bleiben sollten. Deine Gefühle, das ist etwas, das nur dein Gewissen angeht; ich aber bin vor dir, vor mir selbst und vor Gott verpflichtet, dich auf deine Pflichten hinzuweisen. [...] Ich wiederhole: Es ist sehr leicht möglich, dass meine Worte dir völlig überflüssig und unangebracht erscheinen, vielleicht sind sie nur durch einen Irrtum meinerseits veranlasst. In diesem Fall bitte ich dich um Entschuldigung. Aber wenn du selbst so fühlst, dass auch nur der geringste Grund vorhanden ist, so bitte ich dich, darüber nachzudenken und, wenn dich dein Herz dazu treibt, mir zu sagen …“ (S. 220)

Mit dieser Stelle hatte ich eigentlich aufgehört, der versuchten Klärung zwischen Anna Karenina und ihrem Mann. Am Anfang der Stelle fällt der sachlich-betonte Sprechstil des Mannes auf, wohl zurückzuführen auch auf seine Arbeit als Beamter. Redewendungen wie „bin verpflichtet, dich darauf hinzuweisen“, „ich wiederhole:“ und „durch einen Irrtum veranlasst“ verdeutlichen diese beamtliche Distanz, die er auch in der Beziehung pflegt. Die Ansicht, dass ihn ihre Gefühle nichts angehen, nur ihre Entscheidungen, finde ich ebenfalls beachtenswert. Sind Gefühle nicht die maßgebliche Grundlage für Entscheidungen? Gefühle kann man noch wenden, Entscheidungen nicht. Insofern … andererseits erspart man sich dadurch die belastende Vermutung über den nächsten Schritt des Gegenübers. Doch am Ende seiner kleinen Vernunftrede kommt es mir so vor, als verliere sich Alexej in einer verzweifelten Bitte. Mit jedem Komma im letzten Satz, mit jedem Einschub scheint er sich mehr emotional zu offenbaren – und bricht an der Spitze der Gefühle ab. Lässt das Eigentliche ungesagt. Obwohl eigentlich hat er ja seine Vermutung bereits mitgeteilt, doch was für Welten liegen zwischen einer sachlichen Vermutung und einer leidenschaftlichen Bitte – vielleicht diese eine Nuance mehr Empathie, die Anna Karenina zum Zuhören und Überdenken verleiten könnten.

Eine weitere Stelle, die durch ihre Metapher ins Auge fällt:

Und er fühlte, was ein Mörder fühlen muss, wenn er den Körper anblickt, den er des Lebens beraubt hat. Dieser Leichnam, dem er das Leben geraubt hatte, war ihre Liebe, die erste Periode ihrer Liebe. Es war etwas Entsetzliches und Abstoßendes in der Erinnerung an das, was mit diesem entsetzlichen Preis der Schande erkauft war. [...] Aber trotz seines Entsetzens vor dem Leichnam des Ermordeten muss der Mörder diesen Leichnam zerstückeln und verstecken und muss sich zunutze machen, was er durch seinen Mord gewonnen hat.

(Und wie sich der Mörder mit Erbitterung, mit Leidenschaft auf diesen Leichnam stürzt, so bedeckte er ihr Gesicht und ihre Schultern mit Küssen.) (S. 223)

Der Vergleich zwischen Affäre und Mord ist zwar sehr gewagt, aber unbestreitbar kraftvoll. Besonders das Wort „zerstückeln“, die Vorstellung, seine Geliebte symbolisch zu zerstückeln, was für ein Bild.

[...] Und darum wollte sie nicht davon sprechen, es nicht durch ungenaue Worte banal machen. (S. 224)

Ein paar Seiten nach diesem Satz, bildet sich in mir der Gedanke, dass Tolstoj allgemein Gefühle nie banal dastehen lässt. Nackt und lächerlich wie sie meistens zu finden sind. Nein, Tolstoj kleidet sie in die richtige Zeit, in die richtige Beobachtung ein und so gewinnen sie ihre Berechtigung, ihre Würde zurück.

Eine Wetterpassage

Der Frühling kam langsam. Die letzten Fastenwochen hatten klares Frostwetter gebracht. Bei Tag taute es in der Sonne, aber in der Nacht sank das Thermometer auf sieben Grad unter Null; die Eiskruste auf dem Schnee war so stark, dass die Lastfuhren darüber hinwegfuhren, ohne sich an den Weg zu halten. An Ostern lag noch überall Schnee. Am zweiten Feiertag begann plötzlich ein warmer Wind zu wehen, dunkle Wolken zogen auf, und drei Tage und drei Nächte strömte ein stürmischer, warmer Regen. Am Donnerstag legte sich der Wind, und dichter, grauer Nebel steig auf, als wollte er das Geheimnis der Wandlung verhüllen, die sich in der Natur vollzog. Im Nebel fingen die Wasser an zu strömen, die Eisschollen krachten und setzen sich in Bewegung, immer schneller strömten die trüben schäumenden Flüsse, und am Sonntag nach Ostern zerriss gegen Abend der Nebel, das dunkle Gewölk löste sich in weiße Lämmerwölkchen auf, der Himmel wurde klar, und nun kam der wirkliche Frühling.

Man fühlt die einsetzende Bewegung, das Aufbrechen. Bei den genauen Zeitangaben glaube ich immer Tolstoj am Fenster sitzen zu sehen, das Wetter protokollierend.

Während sie miteinander sprachen, spitzte Laska die Ohren, blickte auf den Himmel und warf den beiden einen vorwurfsvollen Blich zu.

‚Jetzt ist’s gerade Zeit zum Schwatzen!‘ dachte sie. ‚Da fliegt eine … Ja, da ist sie … Die verpassen sie.‘ (S.247)

Ja, und auch der Hund hat bei Tolstoj so seine Gedanken. Hätte ich nicht gedacht.

So viel zu diesem Abschnitt, ein paar Stellen habe ich jetzt ausgelassen, es wird sonst einfach zu quälend lang.


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