Anna Karenina (259 – 317)

5 04 2009

Kleiner Nachtrag von zwei Seiten zuvor: eine Stelle, die ich ausversehen übersehen habe, und doch zu schade ist, um zwischen den tausend Seiten unterzugehen:

„Lewin machte ein finsteres Gesicht. Das Gefühl der Kränkung über die Abweisung, die ihm zuteil geworden war, brannte wie eine frische, eben erst empfangene Wunde in seinem Herzen. Aber er war in seinem Haus, und zu Hause helfen einem sogar die Wände.“ (S. 257)

Mir ist aufgefallen, dass mir die Randfigur Lewin am interessantesten erscheint – vielleicht deswegen, weil sich Tolstoj selbst mit ihm identifizierte. Die Hauptgeschichte um die Karenina hingegen steigert sich ja mehr und mehr ins Tragische – gottseidank ohne unangenehm zu werden oder herzzerbrechend (dann kann ich nämlich auch nicht mehr weiterlesen), doch ich freue mich immer auf den Perspektivenwechsel über zur Nebenhandlung. War sicher nicht so intendiert vom Autor. Weiteres Manko der Hauptgeschichte: Der Liebhaber hat eine Glatze! Seit 200 Seiten beschreiben sie ihn als Schönling und dann zack! wird es mal so am Rande erwähnt, dass er bald keine Haare mehr auf dem Kopf hat. Ja, so stelle ich mir einen überiridisch verführerischen Mann vor, für den ich alles aufgebe. Darin zeigt sich nochmal der Aspekt von oben: Vielleicht ist einem Lewin sympathischer, weil er detaillierter und menschlicher beschrieben wird. Eigentlich wird kaum aus der Perspektive Anna Kareninas erzählt, die Geschichte ist zentraler, weil tragischer, aber die Details sind spärlich. Es werden nur ein paar Liebesdialoge wiedergegeben, bei Lewin die Umstände seiner Liebe. Ergo Lewin ist unser menschlicher Ankerpunkt, unser Begleiter durch das Buch, während hingegen Anna Karenina und ihr Geliebter plus Staffage mehr wie eine geschmückte Moralfrage daherkommen. Man darf bei jedem mal in die Gedanken hineinschauen, urteilen darf – muss? man selber.

„Er wollte nicht sehen und sah wirklich nicht, dass schon viele in der Gesellschaft seine Frau schief anblickten; er wollte nicht verstehen und verstand nicht, warum seine Frau durchaus nach Zarskoe Selo übersiedeln wollte. Er gestattete sich nicht, darüber nachzudenken, und dachte auch nicht darüber nach; aber obwohl er es sich nie eingestand und nicht nur keinerlei Beweise, sondern auch keine Verdachtsmomente hatte, wusste er doch ganz genau, dass er ein betrogener Ehemann war, und war tief unglücklich darüber.“ (S.301)

Schöne stilistische Stelle. Sorge mich, dass das Buch sich thematisch zu sehr in Richtung Effi Briest entwickelt. Habe das Buch wirklich gehasst. Aber die Personen in diesem Buch sind wenigstens respektierbar und verständlich in ihren Handlungen. Und welch ein Vergnügen aus der Hand Tolstojs zu lesen!

Als das Hindernisrennen über vier Werst begann, beugte sie sich vor und sah unverwandt auf Wronskij, der zu seinem Pferd ging und aufsaß, und gleichzeitig hörte sie die widerwärtige, nicht verstummende Stimme ihres Mannes. Die Angst um Wronskij quälte sie; aber noch mehr quälte sie die hohe Stimme ihres Mannes mit dem ihr so wohlbekannten Tonfall, und ihr schien, als wolle diese Stimme überhaupt nicht mehr verstummen.“ (S. 310)

Höhepunkt erreicht. Sprachlos. Muss mich erst beruhigen und dann noch einmal lesen. Grandios. Mein Herz.

Ende Seite 317.


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1 Antwort zu “Anna Karenina (259 – 317)”

6 04 2009
Sven (22:32:56) :

Es werden oft tolle Liebhaber als Männer mit Glatze beschrieben. Das Wichtigste ist doch, wie sie selbst damit umgehen. Vielleicht zeugt eine Glatze ebenso wie leicht angegrautes Haar in manchen Kreisen von Lebenserfahrung? Vielleicht war es damals so?

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