Was man tun sollte und was man tatsächlich dann tut

4 04 2009

Ich bin ja jetzt zum Feedreader geworden im wortwörtlichen Sinn. Nachteil ist, man öffnet all die Artikel, die sich interessant anhören mit dem festen Vorsatz sie später einmal zu lesen. Mit höchster Konzentration und idealer Weiterverarbeitung der Information. Fakt ist, mittlerweile habe ich mir Google Chrome nur für zu lesende Artikel installiert, da ich sonst 6 Tableisten in meinem Firefox offen hätte (ja, ich weiß, Zahlen unter 12 oder so soll man ausschreiben, aber ich bin der Meinung, dass dann die Zahlen nicht mehr so beeindruckend über den Text herausragen. Ich habe 12 Eier gegessen. Oder ich habe zwölf Eier gegessen. Na, was hört sich beeindruckender an?). Noch schlimmer ist, wenn man die Artikel liest und gute Gedanken dazu hat oder ihn so gut findet, dass man ihn nicht schließen und damit verlieren will. Darum poste ich jetzt einfach hier einige der besten Artikel, in der Hoffnung, dass ich sie später hier auch wieder finde – sollte ich sie jemals suchen.

Sehr unterhaltsam ist zum Beispiel das Szenensprachenwiki, das Duden gestartet hat. Hier kann jeder Wörter aus der Umgangssprache, die es bis jetzt noch nicht in den Duden geschafft haben, eintragen. Meist haben sie das nicht aus guten Gründen – aber dafür soll ja jetzt extra ein Szenesprachlicher Duden herausgegeben werden. Am Besten sind die Diskussionen rund zu der Wortbedeutung. Außerdem versteht man dann auch wieder mehr, wenn man mit seiner kleinen Schwester kommuniziert (bewusst offen formuliert).

Nächster Lieblingstab ist der Artikel von Max Scharnigg von jetzt.de über das „Klumsche Paradoxon„. Als nicht vom Modeltraum befallenes Mädel, dass die Sendung „Topmodel“ trotzdem gerne schaut – also als direkt Betroffene – finde ich seine Gedanken zur seltsamen Faszination, die davon ausgeht, sowohl nachvollziehbar, als auch amüsant zu lesen. Scheint wohl auch heimlich zu schauen.

Hm, wie ich so den Rest meiner Tabs durchschaue, bemerke ich, dass ich da wohl nicht mehr viel mit dem geneigten Leser teilen kann. Wordpresstuner-Tipps, Schriftstellerbiographien, Motivationsanleitungen und tausend Fundstücke, an denen mich meist nur ein Satz fasziniert und eine Idee festhalten soll.

Ich habe mir überlegt den Header für meinen Blog selbst zu zeichnen. Dann hätte ich mal wieder einen Anlass mich an den Zeichenblock zu setzen – allerdings schüchtert mich der Technikaspekt doch ziemlich ein. Vielleicht mache ich es, wenn mir dieses Apfelmotiv, das ich momentan trage, noch weiter auf den Geist geht. So in etwa – wie Jesus R. Velasco es so schön vorgemacht hat – könnte ich es mir auch hier vorstellen. Die Frage ist nur, ob ich vor lauter Gestaltung nicht den eigentlichen Zweck des Blogs, nämlich regelmäßig zu schreiben, vernachlässige. Mehr oder weniger bewusst vernachlässige. Ich habe das Gefühl, Arbeitsvermeidung geht manchmal seltsame Wege – die meist noch mehr Arbeit verursachen.

Letzte Idee des Tages: Obwohl ich heute nach langer Zeit wieder joggen war und einen unglaublich gesunden Apfel und zwei unglaublich gesunde Sandwichs mit allem möglichen Grünzeugs hatte, lässt mich die Idee eines Yogurette-Kuchens nicht los. Ich glaube, ich werde mit der Erfindung des Yogurette-Kuchens in die Unsterblichkeit eingehen. Die missglückten Versuche kann ich ja essen.


Wirbelnd und minderberechtigt

2 04 2009

Hin und her fallen sie, meine Gedanken. Soeben noch tief versunken in literarischen Betrachtungen, die ich für immer fortsetzen wollte, jetzt umherwirbelnd in Farben und Linien, obwohl ich mir doch geschworen habe, der Kunst als reine Illustration fürs erste zu enthalten – sie sozusagen nur als Endschliff einzusetzen. Doch was stört’s meine Gedanken? Ich kann kein Buch mehr in die Hand nehmen und denke nur noch in Bildern. Fange ich an mit Zeichnen und Entwicklen, drängt es mich zurück zum Schreiben.

Man fühlt sich wie ein Minderberechtigter im Abstimmungsprozess. „Wer ist für einen Kochflash?“ zack, sind alle Hände oben, ein Teil erstellt schon die Rezeptliste, der nächste schnuppert schon dem Mahl vor und ich? Lasse resigniert das Buch niedersinken, bette ein Lesezeichen zwischen die Seiten und frage mich, wann ich wohl wieder zu ihm zurückkehren werde. Denn früher oder später kommt die Idee, der Anfall, der mich alles fallen lassen lässt mit eine grandiosen Idee – und ich schwöre: wäre diese Idee nicht grandios, dann würde ich auf das System Durchhalten setzen. Doch mein Hirn scheint das Eichhörnchen-System zu mögen: Busch entdecken, einmal rundherum huschen, hastiges Loch buddeln, Nuss reinschmeißen, alles wieder drüber und nix wie weg. Und alles was ich tun kann, ist vertrauen, dass sich die ganzen Bruchstücke irgendwann zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen, das im Einklang ist. Wie das geschehen soll, ist mir schleierhaft, aber das ist ja die Art und Weise, wie ich manche Dinge momentan erledige, auch.


„Rot ist mein Name“

30 03 2009

„Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens. Schon längst tat ich meinen letzten Atemzug, schlug mein Herz ein letztes Mal, doch niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls gefühlt, um sicherzugehen, dass ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen. Mein Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich zertrümmert, meine Strin, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen brachen, mein Mund füllte sich mit Blut.“

Erster Absatz aus dem Buch „Rot ist mein Name“ von Orhan Pamuk. Nobelpreisträger 2006 nebenbei. Dachte, ich sollte mal was von ihm gelesen haben. Noch zumal es in diesem Buch um Instanbul und die Kunst der Buchillustration geht. Mich interessiert besonders der Aspekt, wie Kunst in der Literatur beschrieben, allgemein behandelt wird. Aber vielleicht kommen auch ein paar Techniken von damals zu Tage, was ebenfalls den Kauf rechtfertigen würde. Neben dem Stil natürlich.

Tageszustand und Leseimpuls: Wenn man einfach nichts hinbekommt und der Tag einem quer im Magen liegt, man aber verrückt wird vom Nichtstun, dann hilft vielleicht lesen.

Gedanken zum ersten Kapitel: Nicht besonders anschaulich beschriebene Zustände, beispielsweise hatte der Protagonist ein „weites Gefühl“; wirklich erklären oder es den Leser fühlen lassen, kann er es nicht. Der Einstieg ist ein Appell des Getöteten, seinen Mörder zu finden und zu bestrafen und ein wenig Lamento darüber, dass er nicht gerade weich gebettet ist und sich selbst beim Verfaulen zuschauen muss.

Gute Idee dahinter: Der Leser hat sogleich selbst ein emotionales Interesse an der Klärung des Mordfalls und will interessiert weiterlesen und „helfen“. Als Nachteil empfinde ich die Sicht des Ermordeten, die irgendwie … unpassend ist. Also nicht die Tatsache, dass ein Ermordeter spricht, sondern seine Sichtweise. Vielleicht wegen dem Kulturkreis, doch die Art und Weise wie über Tod und Familie geredet wird ist gewöhnungsbedürftig, kühl, seltsam gespielt lamentierend über das Seelenheil und doch distanziert. Der Leser wird übrigens direkt angesprochen „ihr wollt sicher wissen…“ was die Einbindung des Lesers in das Buch natürlich darüber hinaus erleichtert.

Kapitelüberschriften sind auch interessant: „1. Ich bin tot“; „2. Mein Name ist Kara“. Sehr simpel und direkt. Gefällt mir. Kurze Kapitel von durchschnittlich sieben Seiten. Übrigens am Anfang gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis über die Kapitel, was selten ist, aber ich deswegen umso mehr schätze. Zum Inhaltsverzeichnis ist noch mehr zu sagen – das allerdings, das nächste Mal.

Ärgerlich, dass ich kein Buch mehr zur Entspannung lesen kann. Ist sowieso lang her. Jetzt kommt mir das flüchtige Lesen der geschichtlichen Entwicklung wegen wie eine Missachtung des Buches vor. Ich muss einfach kurz reflektieren wie geschrieben wird, warum, und wie ich das Ganze aufnehme. Und wenn ich darüber nachdenke, lese ich es meist nochmals durch, fühle dem Klang nach, grüble über die Wort‑ und Personenwahl und ärgere mich darüber, dass ich nicht sorglos weiterlesen kann und dass ich, wenn ich sorglos weiterlesen würde, doch die ganze Zeit nur über das vorherige Kapitel nachdenken würde und dass ich es mir gerne genauer ansehen würde, um mein Gefühl zu konkretisieren. Eine Hölle, das Lesen ;).

Jetzt schenke ich dem Buch die Aufmerksamkeit, die es verdient, doch wo ist meine Erholung geblieben?

Achja, noch ein Gedanke zum Buch: Begriffsdefinition am Ende wäre hilfreich gewesen.

So, und jetzt besauf ich mich ordentlich mit Schokolade. Oder arbeite weiter. Aber ersteres hört sich wilder an :).


Götterkinder

27 03 2009

Gedanken zur Liebe:

Ist es nicht schön, wenn all das, was du verehrst, dich anblickt?

Ich meine damit die Situation, wenn eine Person, die man liebt mit bestimmten Eigenschaften, die man verehrt, einen bemerkt und die Liebe erwidert. Tritt man dann durch diese Liebe nicht auch in Kontakt zu diesen Prinzipien, die diese Person verkörpert? Plötzlich liebt einen die Kunst durch den Künstler zurück. Durch andere Menschen kann man im Grunde eine Beziehung mit etwas ganz Abstraktem haben.

Man kann beispielsweise mit der Pünktlichkeit höchstpersönlich zusammensein. Natürlich braucht man dazu auch etwas Überhöhung, die aber jede Frau mit Leichtigkeit erschaffen können sollte.


„Die Liebe sollte sich rueckwaerts abspielen“

22 03 2009

Ein wundervolles Stück Sprache gefunden bei B.Freith – Texte mit Stimme:


Diese Kunst

22 03 2009

vom 24. Februar

Drang ein Bild in mich ein
hallte an den leeren Wänden wieder
zerstäubt in Farbwolken
zieht es über mein Land

diese Kunst

ich nehme die Autoschlüssel vom Tisch, lasse die Tür hinter mir offen und gehe hinaus, die Treppe hoch zu einem Auto. Die Tür schwingt auf und ich klettere hinein. Ich starte den Motor, das Licht geht an, das Radio springt an, ich löse die Bremse. Ich bin unterwegs. Und ich werde so lange fahren bis ein Bild mich erreichen wird. Bis dahin folge ich der gemächlichen Leere des Lebens, die überall über den Feldern liegt und meinen Blick verschleiert hat. 5ter Gang. Geradeaus auf endlosen Autobahnen fahrend. Berge. Holländische Weiten. Buschpalisaden. Häuserinseln. Immer weiter. Mitte, rechts, mitte, rechts, ganz links, rechts zurückfallend. Und der Gedanke, nicht zurückkehren zu müssen, nichts erfüllen zu müssen, macht mich ruhiger. Nur geradeaus. Und nichts bleibt bestehen.


Anna Karenina (175–221)

21 03 2009

Kaum aufgeschlagen, schon eine herrliche Stelle entdeckt:

“ ‚Du Blaffköter!‘ dachte er im stillen, als er sich das Geschwätz des berühmten Arztes über die Krankheitssymptome seiner Tochter anhören musste. Der Arzt hingegen konnte nur mit Mühe seine Verachtung gegen diesen rückständigen alten Aristokraten verbergen und sich auf sein tiefes geistiges Niveau herablassen.“ (S.178)

Wunderbares Wechselspiel. Wieder eine klasse beschriebene „Beziehung“. Alles in allem – eine präzise Beschreibung des „Ärzte-Spiels“:

„Man versuchte ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, und nun zeigte es sich, dass der Arzt zwar sehr lange und schön geredet hatte, dass es aber ganz unmöglich war, wiederzugeben, was er eigentlich gesagt hatte.“ (S.182)

Zwei weitere schöne Charaktersätze:

“ ‚Von der Nilsson wollen Sie wegfahren?‘ fragte Betsy entsetzt, obwohl sie völlig außerstande war, die Nilsson von einer beliebigen Choristin zu unterscheiden.“

“ ‚Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen erlöst werden‘, sagte Betsy in Erinnerung an irgend etwas, das sie einmal von irgend jemand gehört hatte.“ (beides S. 194)

Weitere schöne Worte. Alles Perlen, die ich hier vom Klang zu verstehen und zu bewahren versuche…

“ ‚Liebe‘, wiederholte sie langsam und innig und fügte plötzlich hinzu, als sie ihre Spitzen losgehakt hatte: „Ich mag dieses Wort deshalb nicht, weil es für mich zuviel bedeutet, viel mehr, als Sie begreifen können.“ Sie sah ihm voll ins Gesicht. „Auf Wiedersehen!“

„[...] er fühlte, dass er vor etwas Unlogischem und Unsinnigem stehe, und er wusste nicht, was er tun solle. Alexej Alexandrowitsch stand jetzt dem Leben gegenüber, der Möglichkeit, dass seine Frau noch einen andern liebe als ihn, und das schien ihm vollkommen sinnlos und unbegreiflich, weil es eben das wirkliche Leben war. Alexej Alexandrowitsch hatte sein Leben lang in der Atmosphäre seines Amtes gelebt und gearbeitet, wo er es immer nur mit einem Abglanz des Lebens zu tun hatte. Und jedesmal, wenn er mit dem wirklichen Leben zusammenstieß, wich er ihm aus.“ (S. 213)


Stimmung, Darling!

21 03 2009

Ohja diese Stimmungen… manche mögen mich als launisch beschreiben, als anstrengend und für mich sind meine extremen Stimmungen meist auch sehr kräftezehrend. Sich wie alles fühlen zu können kommt einem wie ein Fluch vor – aber sieh, gestern das gleiche. Eine Stimmung, das passende Lied und da stehen sie: 8.000 Zeichen reinste Literatur. Voller Bilder, Dialogfetzen, Gedanken reif zum Weiterverabreiten. So kraftvolle Sätze – man kommt sich wie gemelkt vor. Ein seltsamer Vorgang und doch… wenn ich es mir jetzt durchlese kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich das alles in mir trage. Das Wunder des Schreibens.

Ich kann eine sehr anrührende Geschichte empfehlen, gelesen/gesehen auf FAZ, und, ja, was soll man sagen – eines dieser Geschichten, die einem lange nachhängen:

Die Grundlage: Eine kleine Slideshow

Die Weiterführung: Die Geschichte dahinter

Kennt ihr das? Habe mich begeistert in Anna Karenina gelesen, hervorragend!, doch passt die Geschichte gerade nicht. Ich würde wirklich gerne weitelesen, aber es ist wie „Titanic“-Schauen an einem Frühlingsmorgen. Es passt einfach nicht. Ich hoffe die richtige Stimmung zieht bald auf bevor die ganzen Charaktere verblassen.

Und weiter geht’s…


Flightless Bird – American Mouth

20 03 2009

Dieses Lied raubt mir meine Realität.


Anna Karenina (96–174)

19 03 2009

Folgende Stelle:

„… und ehe Kitty sich besinnen konnte, fühlte sie, dass sie nicht nur in Annas Bann geraten war, sondern dass sie sich auch in sie verliebt hatte, wie sich eben junge Mädchen manchmal in verheiratete Frauen verlieben, die etwas älter sind als sie.“ (S. 110)

Woher WEIß Tolstoj das nur? Das Interessante ist, dass ich solche Stellen lese und dann eine Seite später immer noch daran denke. Diese menschliche Bewegung ist so perfekt beschrieben, man könnte meinen es sei ihm selbst passiert. Nochzumal es eine Regung ist, die einem selten bewusst wird. Das also noch zu dem Punkt, Tolstoj schreibe sehr einfühlsame Liebes-Szenen. Er scheint sich ja in alles einfühlen zu können. Und die Liebesgeschichte ist so spannend, wie es solche Geschichten nunmal zu sein pflegen.

Tolstoj schreibt auch sehr sinnlich. Es gibt eine wunderbare Passage hier darüber, wie sich Kitty in ihrem Ballkleid schön „fühlt“. Das Ganze ist so geschrieben, dass man förmlich ihre Attraktivität zu berühren glaubt. Aber ich gebe zu, ich bin zu faul, diese doch fast eine Seite umfassende Beschreibung hier abzutippen. Dafür dieser kleine Satz, der eben jene Sinnlichkeit im Kleinen sehr gut demonstriert:

„In den entblößten Schultern und Armen spürte sie etwas wie Marmorkälte, ein Gefühl, das sie besonders gern hatte.“ (S. 118)

Seite 150. Zu spannend um etwas schreiben zu können. Es entwickelt sich unaufhaltsam. Ich liebe diese Auswegslosigkeit in Romanen und frage mich, ob unser eigenes Leben auch mehr oder weniger durch uns selbst  bereits festgelegt ist.

Seite 155 „HA!“ Schauer schütteln mich, ich halte das einigermaßen schwere Buch ganz auf Augenhöhe, kralle es, kann kaum atmen „Ha!“ Ok, so viel: Man kennt ja den Ablauf dieser Liebesgeschichten – aber ich schwöre, sie sind alle nur ein Abklatsch dieser. Man muss es sich vorstellen wie Platons Ideen, die den verkümmerten, unvollkommenen realen Dingen als Vorlage dienen.

Herrlich auch diese Stelle. Nebenbei gesagt – schon an dieser Stelle hat sich Tolstoj bei mir einen Platz als Lieblingsschriftsteller sichern können. So leicht kann er ihn nicht mehr verlieren, aber ich hoffe der Rest des Buches gibt auch keinen Anlaß zum Punktabzug.

„Wronskij hatte in dieser Nacht nicht einmal versucht, einzuschlafen. Er saß auf seinem Platz und starrte vor sich hin, oder er musterte die Ein‑ und Aussteigenden, und wenn er schon früher Leute, die ihn nicht kannten, durch die unerschütterliche Ruhe in seinem Gesicht überrascht und gereizt hatte, so schien er jetzt erst recht stolz und selbstbewusst. Er betrachtete die Menschen wie Sachen. Ein nervöser junger Mann, Beamter beim Kreisgericht, der ihm gegenübersaß, begann ihn wegen dieser Miene richtig zu hassen. Der junge Mann bat ihn um Feuer, versuchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, stieß ihn sogar an, um ihn fühlen zu lassen, dass er kein Ding, sondern ein Mensch sei, aber Wronskij sah ihn ebenso gleichgültig an wie die Laterne, und der junge Mann schnitt Gesichter, weil er fühlte, dass er unter dem Druck dieser Weigerung, ihn als Menschen anzuerkennen, beinahe seine Selbstbeherrschung verlor.“ (S. 157)

Ist das nicht eine prächtige Beschreibung? Herrlich, diese Situationskomik, einfach grotesk dieses Zusammenspiel der beiden. Dabei ist es ja nur eine kleine Randszenerie, einfach so eingestreut, und doch… es liest sich wie ein kleiner Psychologieexkurs.

Och, schon der erste Teil zu Ende? Naja es gibt ja sechs, wie ich gerade gesehen habe beim Durchblättern. Am liebsten würde ich das Buch gar nicht aus der Hand legen, aber ich möchte auch nicht durch fehlende Aufmerksamkeit etwas von seinem Reiz verpassen.