Ein sehr zartes Buch liegt in meinen Händen. „Anna Karenina“ von Lew Tolstoj, in der empfohlenen Übersetzung von Gisela Drohla, herausgegeben vom Insel Verlag. Die Seiten sind hauchzart, das Buch faustdick. Ich bin sehr gespannt, was mich wohl erwartet. Gerade die Charakterzeichnung, die Technik des Gesellschaftromans, die Gefühlsdarstellung interessieren mich.
Nach zwei Seiten fällt mir schon die Leichtigkeit des Stils auf: Keine mühsam zu überwindenden Beschreibungen, alles gut vorstellbar, der Tonfall hat etwas … noch undefinierbares, faszinierendes. Lustigerweise fällt direkt in der zweiten Szene das Wort „Darmstadt“, das in einem Traum des Protagonisten wohl eine Rolle spielte. Das fühlt sich an, wie ein seltsamer Ruf, wenn man hier in Darmstadt sitzt und ein russisches Buch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts liest.
Eine Stelle möchte ich hier gerne genauer unter die Lupe nehmen (S.8f):
„Am unangenehmsten war jener Augenblick gewesen, als er heiter und zufrieden aus dem Theater nach Hause kam, eine riesige Birne für seine Frau in der Hand, seine Frau nicht im Salon fand, zu seinem Erstaunen auch nicht im Arbeitszimmer, bis er sie dann im Schlafzimmer sah, den unglückseligen Brief in der Hand, der alles verraten hatte.
Sie, die immer besorgte, geschäftige und seiner Ansicht nach etwas beschränkte Dolly, saß mit dem Brief in der Hand regungslos da und sah ihn mit einem Ausdruck von Entsetzen, Verzweiflung und Zorn an.“
Was mir an den beiden Sätzen besonders auffiel, war die dreifache Aufzählung. Zuerst im ersten Satz: Er sucht sie 1. im Salon, 2. im Arbeitszimmer und findet sie 3. im Schlafzimmer. Auffälliger wird es dann beim zweiten Satz: die 1. besorgte, 2. geschäftige, 3. seiner Ansicht nach beschränkte Dolly sah ihn mit einem Ausdruck von 1. Entsetzen, 2. Verzweiflung und 3. Zorn an.
Beim ersten Lesen ist es mir nur wie ein auffallender Rhythmus vorgekommen, doch spätestens dann bei der Ausdrucksaufzählung wird es einem bewusst, was da im Text vor sich geht. Interessant finde ich das vor allem, weil ich solche Aufzählung auch gerne des öfteren mache, wenn ich ein bestimmtes Gefühl zu treffen versuche, dass zwischen all diesen Begriffen liegt. Doch ich dachte bis jetzt immer, das sei kein guter Stil. Schließlich soll man ja das „Zauberwort“ treffen (Novalis), also das eine passende Wort finden, statt Unmengen von Buchstaben zu verschwenden. Der Vorteil dieser Dreifach-Aufzählung ist zum einem dieser wundervolle Rhythmus – jedenfalls mir gefällt er sehr – und zum anderem die Steigerung. Eine gewisse Spannung baut sich auf, mit jedem Komma; oder übertragen mit jedem Ort an dem Stepan seine Frau nicht findet.
Lebensweisheiten, mit leichter Hand nebenbei eingestreut. Zwei Stellen dazu:
“ ‚Aber was in aller Welt soll ich jetzt tun?‘
Eine Antwort darauf gab es nicht, außer der allgemeinen Antwort, die das Leben auf alle verwickelten und unlösbaren Fragen gibt. Diese Antwort lautet: Man muss dem Tag leben, das heißt, vergessen.“ (S.11) (im Text heißt es wirklich „dem Tag“)
„Wenn es wirklich einen Grund gab, weshalb er die liberale Richtung der konservativen vorzog, der viele aus seinemn Kreisen anhingen, so lag dieser Grund nicht darin, dass er die liberale Richtung vernünftiger fand, sondern darin, dass sie seiner Art zu leben besser entsprach.“ (S.15)
Was mir auch gut gefällt, ist, dass Tolstoj seine Figuren und ihre Handlungen erklärt. In modernen Romanen – naja, mit Sicherheit nicht nur in der Moderne, bei Hemingway beispielsweise (sofern ich mich richtig erinnere) handeln die Hauptfiguren einfach. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Deutschunterricht, als wir die Beweggründe für dieses Handeln herausfinden mussten und ich habe es nicht sonderlich gemocht, Dinge in Verhaltensweisen hineinzuinterpretieren. Auf der anderen Seite bewundere ich Leute, die solche versteckten Zeichen lesen können und würde es gerne selbst können. Man sieht die Protagonisten jedenfalls handeln und reagieren, aber es bleibt alles distanziert, ein nüchterner Stil, der oft auch mit dieser hochgelobten Kürze einhergeht, die schon manchmal an Unhöflichkeit grenzt.
Bei Tolstoj ist es jedoch so, wie ich es mir bei vielen Büchern wünschen würde. Der Protagonist tut etwas – freut sich über seine Tochter – aber gleichzeitig wird diese Handlung auch mit Überlegungen des Protagonisten oder des auktorialen Erzählers hinterleuchtet, sprich: Während er seiner Tochter lächlend Pralinen schenkt, ist er sich bewusst, dass er sie seinem Sohn gegenüber bevorzugt und nennt auch gleich seinen erzieherischen Vorsatz, alle Kinder gleich behandeln zu wollen. Für mich macht es diese Szene gleich wertvoller, da ich vielleicht übersehen hätte, dass der Sohn ja noch im Zimmer ist und sich vielleicht benachteiligt fühlen könnte und darüber hinaus erfahre ich wieder etwas zu dem Protagonisten – nämlich dass er wie viele Menschen ehrenwerte Ansichten hat, aber in der Realität doch oft das „Unehrenwerte“ durchbricht. Das macht ihn für mich gleich menschlicher, realistischer.
So vierzig Seiten sind schon gelesen – von grob 1200. Das kann ja heiter werden. aber ich poste mal an dieser Stelle, damit meine Kommentare und Gedanken dazu einigermaßen übersichtlich sind
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