Entscheidungslosigkeit. Millionen Menschen sind betroffen. Ach was rede ich. Sicher Milliarden. Die Dunkelziffer der Unentschlossenen ist erschreckend hoch. Abgesehen natürlich von den Menschen, die auf alles eine Antwort haben.
Fragen gibt es ja genug, über die man länger nachdenken kann. Beginnen kann man mit der Frühstücksfrage: Müsli oder Brot? Geübtere gehen über zur Kleidungsfrage: In was sehe ich besser aus? Für Fortgeschrittene dann die Planungsfragen, die bereits ein hohes Maß an abstrakten Denken erfordern: Zuerst Bewerbungen abschicken, dann duschen, dann Geschirrspüler ausräumen und dann saugen? Wo kann man welche Nebeneffekte nutzen? Und als Profi ist man dann bei den wirklich großen Fragen des Lebens angekommen: Gehe ich auf den Geburtstag eines Freundes aus meiner WG oder sehe ich wie vereinbart meinen Freund einen Tag früher? Hier müssen dann alle Register gezogen werden. Ethische Werte stehen auf der Waage, mögliche Entscheidungen werden in Szenarien umgesetzt und im Kopf immer wieder auf Vor‑ und Nachteile analysiert. Und alles was rauskommt ist: Ich weiß nicht, wofür ich mich entscheiden soll. Eher Geburtstag?
Ich denke, dass da jeder seine eigenen Entscheidungsschwachpunkte hat. Und klar gibt es auch Tage, da kann ich mich noch nicht mal darauf festlegen, ob ich jetzt aufstehen soll oder nicht. Aber meine absolute Schwierigkeit ist – und da bin ich mir nun sicher – diese Wertentscheidungsfragen. Vielleicht haben sie ganz harmlos begonnen: „Willst du zu meinem Geburtstag kommen?“ Und man sagt ja, weil man die Person mag, das Feiern mag, ein Nein gar nicht auf der Liste steht. Und schon beginnt es.
Mein fleißiges Hirn ist wie eine Putzfrau im Frühjahrsrausch – alles wird rausgeschmissen. Flüchtige Notizen, wichtige Unterlagen, alles was grad so rumliegt und das freue Durchatmen verstopft, kommt in die Mülltonne. Weil es so ein schönes Gefühl ist, wenn alles sauber ist. Oder einfach, weil mein Hirn den Trubel liebt, den es verursacht. Ich hab nämlich vergessen, dass ich für den Tag auch jemand anderem mein Kommen versprochen habe. Ich sollte also lieber zum Liebsten fahren, auch wenn ich dafür mehr als zwei Stunden unterwegs bin. Oder?
Während des Tages diskutiere ich heftig mit mir selbst, es wird nach Argumenten gesucht, bis ich dann anfange, die Betroffenen selbst nach ihrer Meinung zu fragen: „Wie gern hättet ihr denn gern, dass ich komme?“. Nicht fair, ich weiß. Was sollen sie auch sagen. Ich versuche das Ausmaß der Verzweiflung abzuschätzen, wenn ich sie versetzen müsste. Die Höflichkeit macht es da einem echt schwer. Und nicht zu vergessen: Wonach ist mir? Leider kann ich meine Launen genauso gut abschätzen wie die Staus auf den Autobahnen (mit Ausnahme von Freitagen und der A81). Also auch von dieser Seite keine echte Hilfe.
Ganz Pfiffige bieten einem die Werf-ne-Münze-Lösung an. Doch das empfinde ich schon fast als Beleidigung für meine Problemlösungskompetenz. Ich werde ja wohl ne bessere Begründung für mein Handeln finden als die Aussage: „Du warst eben Zahl. Sorry.“ Letzten Endes aber ist dieser Weg doch sehr hilfreich. Im Grunde will man die Münze nicht werfen, WEIL man schon eine Entscheidung favorisiert, aber noch nicht genügend Gründe zusammen hat, um diese vor seinem moralischen Gewissen vertreten zu können. Dann ist ja alles klar. Auf zum Liebsten.
Am nächsten Tag ist jedoch so viel zu tun, dass ich mir wünsche, ich hätte mich für den Geburtstag entschieden, dann müsste ich nicht so früh los und könnte jetzt noch alles entspannt von meiner To-Do-Liste abhaken. Soll ich mich nicht doch noch einmal umentscheiden?
Es war einmal ein Lippenstift. Wie so viele Lippenstifte lebte er an einem dunklen Ort. Genauer gesagt in der Handtasche einer Frau. Immer an seiner Seite die Taschentücher und der Schminkspiegel. Die Taschentücher waren überaus schweigsam und bekannt für ihre völlige Ignoranz hinsichtlich der Ästhetik. Stets in eine enge Plastikhülle gequetscht konnten sie auch nicht viel mehr als schweigen, denn sie mussten sparsam mit der Luft umgehen. Dafür, dass es nicht zu ruhig im Täschchen wurde, sorgte der Schminkspiegel. Da er stets zusammengeklappt war, reflektierte er nur sich selbst. Tag und Nacht. Soweit man das vom Innern einer Tasche aus unterscheiden konnte. Es war also nicht verwunderlich, dass der Lippenstift von einem besseren Leben träumte. Schließlich hieß er auch „Blush of Stormrose“. Wer einen solchen Namen trägt, kann doch nicht sein ganzes Leben im Inneren einer Handtasche verbringen? Und wenn er wieder von der Welt da draussen träumte, von der er nur kurze Augenblicke erhaschte, auf den Weg zu den Lippen hoch und wieder zurück – war er sich sicher, dass sein Tag kommen würde. Er hatte viel nachgedacht. Man sagte ihm nach, er sei ein eher in sich gekehrter Lippenstift – was wohl stimmte. Wenn er nur in den Momenten, in denen er mit den Lippen verschmolz, der Leidenschaft widerstehen könnte und den Ausblick nutzen, dachte er oft. Doch sobald er auf die fein ziselierten Lippen ansetzte, konnte er nicht anders, als die Augen zu schließen und sich ganz dem Schwung der Lippen hinzugeben. Ein hoffnungsloser Fall, sagte der Schminkspiegel dann immer und seufzte schwer. „Ich habe dir doch gesagt, dass du die Chance nutzen musst!“ Und wenn er dabei „ich“ sagte, betonte er es doppelt stark, als spräche seine Spiegelung mit. „Wie willst du denn zu deinem Abenteuer kommen, wenn du nicht auf das hörst, was ich dir sage? Aber auf mich hört eh nie jemand!“ Und der Lippenstift wusste, dass der Spiegel in diesem Moment sein Spiegelbild prüfte, um zu sehen, ob er leidend genug aussah.
Ich war wieder am Blättern durch mein Herkunftswörterbuch als ich auf den Isegrim stieß.
Ich liebe die Etymologie (= Wortherkunft) wegen der Geschichte, die sie den Wörtern gibt.
So eine Lysann, die braucht ein bischen Verwirrung, ein bischen Veränderung in ihrem Leben. Und wie erzeugt man Verwirrung? Genau. Man biegt links ab, wo man immer rechts abgebogen ist.






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