Ja oder nein? Oder ja?….oder doch lieber nein?

25 10 2008

Entscheidungslosigkeit. Millionen Menschen sind betroffen. Ach was rede ich. Sicher Milliarden. Die Dunkelziffer der Unentschlossenen ist erschreckend hoch. Abgesehen natürlich von den Menschen, die auf alles eine Antwort haben.

Fragen gibt es ja genug, über die man länger nachdenken kann. Beginnen kann man mit der Frühstücksfrage: Müsli oder Brot? Geübtere gehen über zur Kleidungsfrage: In was sehe ich besser aus? Für Fortgeschrittene dann die Planungsfragen, die bereits ein hohes Maß an abstrakten Denken erfordern: Zuerst Bewerbungen abschicken, dann duschen, dann Geschirrspüler ausräumen und dann saugen? Wo kann man welche Nebeneffekte nutzen? Und als Profi ist man dann bei den wirklich großen Fragen des Lebens angekommen: Gehe ich auf den Geburtstag eines Freundes aus meiner WG oder sehe ich wie vereinbart meinen Freund einen Tag früher? Hier müssen dann alle Register gezogen werden. Ethische Werte stehen auf der Waage, mögliche Entscheidungen werden in Szenarien umgesetzt und im Kopf immer wieder auf Vor‑ und Nachteile analysiert. Und alles was rauskommt ist: Ich weiß nicht, wofür ich mich entscheiden soll. Eher Geburtstag?

Ich denke, dass da jeder seine eigenen Entscheidungsschwachpunkte hat. Und klar gibt es auch Tage, da kann ich mich noch nicht mal darauf festlegen, ob ich jetzt aufstehen soll oder nicht. Aber meine absolute Schwierigkeit ist – und da bin ich mir nun sicher – diese Wertentscheidungsfragen. Vielleicht haben sie ganz harmlos begonnen: „Willst du zu meinem Geburtstag kommen?“ Und man sagt ja, weil man die Person mag, das Feiern mag, ein Nein gar nicht auf der Liste steht. Und schon beginnt es.

Mein fleißiges Hirn ist wie eine Putzfrau im Frühjahrsrausch – alles wird rausgeschmissen. Flüchtige Notizen, wichtige Unterlagen, alles was grad so rumliegt und das freue Durchatmen verstopft, kommt in die Mülltonne. Weil es so ein schönes Gefühl ist, wenn alles sauber ist. Oder einfach, weil mein Hirn den Trubel liebt, den es verursacht. Ich hab nämlich vergessen, dass ich für den Tag auch jemand anderem mein Kommen versprochen habe. Ich sollte also lieber zum Liebsten fahren, auch wenn ich dafür mehr als zwei Stunden unterwegs bin. Oder?

Während des Tages diskutiere ich heftig mit mir selbst, es wird nach Argumenten gesucht, bis ich dann anfange, die Betroffenen selbst nach ihrer Meinung zu fragen: „Wie gern hättet ihr denn gern, dass ich komme?“. Nicht fair, ich weiß. Was sollen sie auch sagen. Ich versuche das Ausmaß der Verzweiflung abzuschätzen, wenn ich sie versetzen müsste. Die Höflichkeit macht es da einem echt schwer. Und nicht zu vergessen: Wonach ist mir? Leider kann ich meine Launen genauso gut abschätzen wie die Staus auf den Autobahnen (mit Ausnahme von Freitagen und der A81). Also auch von dieser Seite keine echte Hilfe.

Ganz Pfiffige bieten einem die Werf-ne-Münze-Lösung an. Doch das empfinde ich schon fast als Beleidigung für meine Problemlösungskompetenz. Ich werde ja wohl ne bessere Begründung für mein Handeln finden als die Aussage: „Du warst eben Zahl. Sorry.“ Letzten Endes aber ist dieser Weg doch sehr hilfreich. Im Grunde will man die Münze nicht werfen, WEIL man schon eine Entscheidung favorisiert, aber noch nicht genügend Gründe zusammen hat, um diese vor seinem moralischen Gewissen vertreten zu können. Dann ist ja alles klar. Auf zum Liebsten.

Am nächsten Tag ist jedoch so viel zu tun, dass ich mir wünsche, ich hätte mich für den Geburtstag entschieden, dann müsste ich nicht so früh los und könnte jetzt noch alles entspannt von meiner To-Do-Liste abhaken. Soll ich mich nicht doch noch einmal umentscheiden?


Drückend

25 07 2008

Vollkommene Ruhe im Krankenzimmer.
Weißt du noch damals, im Krankenhaus? Da war auch alles still und gedämpft, weiß reflektierend. So sieht wohl Heilung aus. Ein stiller, drückender Prozess. Man meint die Stille unterbrechen zu müssen, doch nichts durchdringt sie endgültig. Man schaltet den Fernseher ein – doch das Gezeigte erscheint so fern, wie das Freibadlachen vor dem Fenster. Man versucht nicht vor Schmerzen zu stöhnen, wenn man sich im Bett ein wenig dreht. Man konzentriert sich auf den Berührungsdruck von der Matratze auf den Körper. Die Temperatur. Die nicht vorhandenen Geräusche. Ab und zu schlürft jemand durch den Gang, verhallendes Gemurmel, alles vor der Tür, draussen. Bis man selbst dorthin gelangt ist alles leer – so langsam ist man plötzlich geworden. Man schaut auf die Uhr: Ist zu viel vergangen? Zu wenig? Jedesmal unsicherer, je mehr das Weiß einen einschließt. Bis auch die Träume sich im Krankenhaus abspielen und das gesamte Leben – das einem so unermesslich weit vorkommt, an so viele Orte anknüpft – in ein kleines stilles Zimmer passt. Wer jetzt vorbeikommt, der kommt zum ersten Mal. Diese Bedürftigkeit, die in der Berührung liegt, in jedem Blick. Manche melden sich von dort draussen, denken an dich in diesem kleinen, stillen Zimmer unter Millionen aufregenden, lebenden. Man klammert sich daran. Ruft sich in Erinnerung, hält es fest, kaut es immer und immer wieder hoch, um nicht zurückzusinken. „Ach ist das nett, dass der angerufen hat! Er klang ganz besorgt…Wie schön…Wir haben lange geredet. Es war so schön mit ihm zu reden…“ Nur um zu überdecken, wer nicht angerufen hat. Wer nicht da war. Und wie lange schon. Irgendwann ist das Fröhlichste totgeredet und man fürchtet sich. Die Dämmerung zieht auf und man kann es nicht verhindern. Nicht entkommen einer weiteren Nacht. Dem röchelnden Schlaf, kratzend, unrhythmisch. Keine Nacht schläft man durch, keine erholsame Ruhe findet man in der Dunkelheit. Alles scheint noch langsamer zu gehen, dort wo man dachte, es sei nicht mehr möglich.
Man spürt, wie sich die Sekunde aufschwingt, drohend über einem hängt und erschöpft zur Seite kippt. Und die nächste Sekunde steht bevor.


Die Handtaschengeschichte [Prelude]

25 05 2008

Blush of StormroseEs war einmal ein Lippenstift. Wie so viele Lippenstifte lebte er an einem dunklen Ort. Genauer gesagt in der Handtasche einer Frau. Immer an seiner Seite die Taschentücher und der Schminkspiegel. Die Taschentücher waren überaus schweigsam und bekannt für ihre völlige Ignoranz hinsichtlich der Ästhetik. Stets in eine enge Plastikhülle gequetscht konnten sie auch nicht viel mehr als schweigen, denn sie mussten sparsam mit der Luft umgehen. Dafür, dass es nicht zu ruhig im Täschchen wurde, sorgte der Schminkspiegel. Da er stets zusammengeklappt war, reflektierte er nur sich selbst. Tag und Nacht. Soweit man das vom Innern einer Tasche aus unterscheiden konnte. Es war also nicht verwunderlich, dass der Lippenstift von einem besseren Leben träumte. Schließlich hieß er auch „Blush of Stormrose“. Wer einen solchen Namen trägt, kann doch nicht sein ganzes Leben im Inneren einer Handtasche verbringen? Und wenn er wieder von der Welt da draussen träumte, von der er nur kurze Augenblicke erhaschte, auf den Weg zu den Lippen hoch und wieder zurück – war er sich sicher, dass sein Tag kommen würde. Er hatte viel nachgedacht. Man sagte ihm nach, er sei ein eher in sich gekehrter Lippenstift – was wohl stimmte. Wenn er nur in den Momenten, in denen er mit den Lippen verschmolz, der Leidenschaft widerstehen könnte und den Ausblick nutzen, dachte er oft. Doch sobald er auf die fein ziselierten Lippen ansetzte, konnte er nicht anders, als die Augen zu schließen und sich ganz dem Schwung der Lippen hinzugeben. Ein hoffnungsloser Fall, sagte der Schminkspiegel dann immer und seufzte schwer. „Ich habe dir doch gesagt, dass du die Chance nutzen musst!“ Und wenn er dabei „ich“ sagte, betonte er es doppelt stark, als spräche seine Spiegelung mit. „Wie willst du denn zu deinem Abenteuer kommen, wenn du nicht auf das hörst, was ich dir sage? Aber auf mich hört eh nie jemand!“ Und der Lippenstift wusste, dass der Spiegel in diesem Moment sein Spiegelbild prüfte, um zu sehen, ob er leidend genug aussah.

Was für Abenteuer gibt es überhaupt für Lippenstifte, mag sich der geschätzte Leser fragen. Nun, die Taschentücher hatten aus einer vorherigen Tasche das Gerücht, dass ein Lippenstift einmal aus der Tasche gefallen sei. Aber selbst dann sind sie gewissermaßen blind und schutzlos den schwarzen Absätzen ausgeliefert. Es gab auch Lippenstifte, die für eine einzige Fotografie herausgepult und zerrieben wurden. Andere wurden öffentlich zur Schau gestellt – nackt – und mussten sich an jede Lippe werfen, egal ob der Farbton passte oder nicht. Das Schlimmste, was einem Lippenstift passieren konnte. Wieder andere berichteten von wahren Paradiestaschen, gefüllt mit allen erdenklichen Farben. Wenn man Glück hatte, traf man sogar Familienmitglieder. Neuerdings gab es jedoch mehr und mehr dieser jungschen Dinger, bei denen man alles sehen konnte! Eine Schande für die gesamte Lippenstiftkultur. Doch sie waren in Mode, zeigten sich überall, klebten schrecklich, ihr Gestank war unerträglich und wahrscheinlich hatten sie auch noch viel mehr Spaß. Aber eins machte das Ganze erträglicher: Sie konnten zwar alles sehen, auch wenn sie nicht herausgeschraubt oder geöffnet wurden, aber da sie die meiste Zeit in der Tasche waren, brachte ihnen ihre Sehkraft erstens nichts und zweitens nutzen die eifersüchtigen Taschenbewohner die Chance und starrten die durchsichtigen Lipglosse unerbittlich an.


Trennung

26 04 2008

„Das mit uns beiden“, nochmal holte sie Luft, „das wird nichts. Keine Zukunft.“ „Du weißt, irgendwann müssen wir uns alle weiterentwickeln, einen Schritt weitergehen. Ich muss das jetzt tun.“ Das sagt sie sogar unter Tränen. „Bitte“, „Bitte verzeih mir“. Sie schweigt traurig mit niedergeschlagenen, nassen Wimpern. Leise streichelt sie mir nochmal durchs Haar. „Ich meine, was sollen sie denn denken, wenn sie dich morgens in meinem Bett finden? Sie würden es nie verstehen!“
Dabei fand sie mich damals so toll, dass sie mich unbedingt haben wollte. Ich weiß noch genau, wie glücklich wir damals waren, als sie mich das erste Mal in die Arme schloß.

Nun ein letzter Blick und der Karton schließt sich über mir. Wie alles Spielzeug muss ich auf den Dachboden.


Reportage

23 04 2008

Das Schleichen ums Buchregal

Warum eine Buchhandlung der beste Ort ist, um zu beobachten, wie die Gesellschaft wirklich mit Sex umgeht.

In tiefer Konzentration blättert sie zur nächsten Seite und liest weiter. Plötzlich spürt sie eine Bewegung. Hastig klappt sie das Buch zu, schiebt es unauffällig unter den großen Stapel Kochbücher und schaut auf. Eine Buchhändlerin läuft an ihr vorbei.

Sex gilt in unserer Gesellschaft als ein offenes Thema. Es ist völlig normal Sex zu haben, und völlig normal, dass das jeder von uns weiß. Sogar der Buchhändler. Zwischen den Buchregalen entdeckt man jedoch Spuren, die ein anderes Bild von uns zeichnen.

Das versteckte Buch vom Anfang ist eines von vielen Sexratgebern. Mit Titeln wie „Orgasmus XXL“, „Millionen Frauen warten auf dich“ oder „Die perfekte Liebhaberin“ findet man sie entweder in der Abteilung Partnerschaft oder Wellness, wo sie mitunter die Hälfte des Buchbestandes ausmachen. Erotik schreibt keiner auf die großen Leitschilder. Auch auf Augenhöhe findet man solche Bücher nicht. Die Buchtitel wecken die Neugier, doch das riesige Format und das eindeutige Layout scheinen die Blicke der gesamten Buchhandlung auf sich zu ziehen. Vor allem, da in den modernen Buchhandlungen das Konzept des totalen Durchblicks praktiziert wird. Vorbei sind die Zeiten, als man eben mal unauffällig stöbern konnte. In den neuen Buchhandlungen soll man die Weite des freien Geistes spüren. Die verglaste Verkaufsfront erlaubt einen Blick bis in die letzte Ecke. Doch dafür bietet die freundlich moderne Buchhandlung runde Sitzgruppen, die von allen Seiten gut einsehbar sind. Meistens sitzt eine Beraterin sogar in der Nähe.

Das Eichhörnchenprinzip
Kein Wunder also, dass Erotikbücher von weniger freizügigen Lesern immer wieder in andere Abteilungen verschleppt und dort untergeschoben werden. Eine Art Eichhörchnchenprinzip, dass eine Buchhändlerin besonders verzweifeln lässt. „Die Kunden stecken die Bücher einfach an anderer Stelle ganz hinten rein.“ Im Gegensatz zu den meisten Büchern, die ganz offen an die falsche Stelle gelegt werden. Deswegen überprüft Sie täglich ihre Abteilung, um die verirrten Bücher wieder einzusammeln. Man kann nur mutmaßen, wie es zu solch einer Situation kommt: Gelangweilte Ehemänner auf dem Weg zur Sportabteilung? Sprachstudenten, die die ruhige Wörterbuchabteilung dem ungeschützten Erotikregal vorziehen?

Ganz offen dagegen scheint die jüngere Generation mit Sex umzugehen. „Vor der Abteilung gibt es öfters Ansammlungen von Jugendlichen, die sich gut hörbar einander aus den Büchern vorlesen und dann mit den eigenen Erfahrungen vergleichen“ erzählt eine Buchhändlerin. Gut zu sehen ist dabei, wie sie den Mund abschätzig verzieht. Ob es mehr das Thema oder die Lautstärke ist, das sie stört? „Allgemein ist die Erotikabteilung gut frequentiert“ bestätigt eine andere Buchhändlerin. Sie habe den Eindruck, dass besonders Jugendliche, die gerade ihre ersten Erfahrungen mit der Sexualität machten, dort anzutreffen wären. Den Anteil schätzt sie auf 70 Prozent. Gerade den Jüngeren werden die meisten Sexualratgeber verkauft. Sicher ist Interesse da, aber auch die Tatsache, dass man in allen Internetbuchhandlungen erst bestellen darf, wenn man volljährig ist, spielt eine Rolle.

Nur nicht in die Augen schauen!
In einer Darmstädter Buchhandlung steht eine Bücherinsel mit Erotikratgebern mitten im Gang. Jedem Taschenbuch stehen die Seiten ab. Ein Buch über Sex wird im Durchschnitt wesentlich öfter durchgeblättert als jedes andere Buch. Eine ganz andere Sache dagegen ist, sich sozusagen noch einmal öffentlich zu seinem Interesse an „Supersex“ zu bekennen. Die Rede ist vom Kaufen. Eine Buchhändlerin aus Ludwigsburg erzählt: „Gerade ältere Männer sieht man oft auf der Couch sitzen und das halbe Buch durchlesen.“ In anderen Buchhandlungen wird diese Aussage bestätigt. Ältere Männer zeigen sich zwar sehr interessiert am Sortiment, tauchen jedoch selten mit dem Buch vor der Kasse auf.

Beim Kauf kann man einige verbreitete Verhaltensstrategien beobachten: Das verwickelnde Gespräch, das umgedrehte Buch, um das auffällige Cover zu verbergen und den Klassiker, den jeder vom Kondomkauf kennt: Die ‚Unter Todesstrafe der Verkäuferin nicht in die Augen schauen‘-Taktik. Zwei Buchhändlerinnen erinnern sich noch sehr deutlich an ein 14jähriges Mädchen: „Sie lief schnell auf die Kasse zu, schmiss das Buch auf den Tisch und drehte sich sofort weg.“ Beleibe nicht alle verwenden so viele Gedanken auf den simplen Akt des Buchkaufs. Aber vor allen den Mädchen ist es peinlich. Dabei schreibt Schriftstellerehepaar Bodansky in ihrem Buch „Orgasmus XXL“: „Wir können uns kein vergnüglicheres Thema vorstellen“.

Ob nun eine Buchhandlung der beste Ort ist, um zu beobachten, wie die Gesellschaft wirklich mit Sex umgeht, sei dahingestellt.
Sollte es aber so sein, so bin ich froh, dass man immer wieder auch jugendliche Pärchen sieht, die aneinandergeschmiegt auf der Couch sitzen und sich gegenseitig Tipps aus den Erotikbüchern vorlesen.


Eisenhelme im Februar

1 02 2008

Ich war wieder am Blättern durch mein Herkunftswörterbuch als ich auf den Isegrim stieß.
Isegrim?
War das nicht der Wolf?
Man trifft ihn heutzutage wohl öfter in den Kreuzworträtseln als in den Märchenbüchern.

Seit dem 10. Jahrhundert ist Isangrim ein Männername, der so viel heißt wie „Eisenhelm“. Der Namensteil „grim“ wird hier noch als Helm oder Maske verstanden, was man auch am Wort „Grimasse“ sehen kann. Die Zeit kam und ging und aus dem Mann Isangrim (hört sich stark nach einem Zwerg aus Terry Pratchetts Scheibenweltromanen an) wurde der Märchenwolf Isegrim. Der ist schon eine Spur ‚grimmiger‘ – vielleicht weil die Gebrüder Grimm ihre Hände ihm Spiel hatten.

Hm, ganz nett, denke ich. Doch wo ist sein viel beeindruckenderer Freund der Fuchs Reineke? Ich kann mich noch erinnern, dass ich seinen Volksnamen „Reineke“ als erstes von meinem alten Physiklehrer zu hören bekam. Wie es dazu kam ist mir auch rätselhaft. Jedenfalls findet man Reineke so nicht im Herkunftswörterbuch. Dabei war er mein großes Vorbild in jungen Jahren: In den verzwicktesten Lagen sich mit Wörtern den Weg freizukämpfen und dann besser als zuvor aus der Geschichte herauszugehen – das kann und lehrt Reineke. Und wäre ich klüger gewesen, hätte ich schon damals seine gewieften Reden und Tricks analysiert und auswendig gelernt. Man trifft nicht oft einen Meister.

Also führt die Reise zu Wikipedia, wo es anscheinend für alles Experten gibt. Ich versuche mich nicht mehr zu wundern und tue es doch immer wieder. In Wikipedia findet man ganz sicher einen Menschen, der die Geschichte der Streichholzschachtel exakt nachverfolgt hat, auf die Schachtelgestaltung derart eingeht, dass selbst noch Kunstlehrer davon inspiriert werden könnten und alle Stellen aus der Literatur, in der auch nur ein Streichholzschächtelchen zu Boden fällt, zitieren kann. Eine Schatzgrube. So habe ich auch diesmal Glück und finde einen ausserordentlich lesenswerten Artikel zum Reineke Fuchs.

Jetzt weiß ich wirklich alles über ihn. Doch bin ich so gefüllt mit Details, dass ich nicht weiß, wie ich es am Besten wiedergeben soll. Es sei hier nur gesagt, dass der Name Reineke aus der Komposition aus regin‑ (=Rat) und –hart (=stark, kühn) besteht. Wer den Text liest, wird wissen, was ein Malepartus ist, warum ein Illustrator Hand in Hand mit dem verkleideten Cotta’schen Verlagsgreifen spazieren geht und wieso der gerissene Fuchs sowohl Goethe als auch Aesop beschäftigt hat.

Zurück zum Buch. Vielleicht finde ich ja unter Fuchs noch etwas interessantes? Und hier bemerke ich, dass mein Gedächtnis wirklich sensationsbedürftig ist. Ich habe den Artikel verschwommen in Erinnerung, doch steht dick mein Fazit „enttäuschend“ darunter. Dabei ist der Artikel recht ausführlich und behandelt sogar die Bezeichnung als Reineke. Wahrscheinlich hatte ich damals einfach eine große Geschichte erwartet anstatt der lapidaren Erklärung, dass „Fuchs“ „der Geschwänzte“ bedeutet. Der Geschwänzte – wird das dem Bild von einem Meister des Wortes und der feingesponnenen List gerecht? Ich finde nicht. Aber womöglich schätzt man den Fuchs auch nicht so sehr, wenn er ständig das Mittagessen mopst. (‘Sich mopsen‘ steht für sich langweilen, bzw. sich ärgern und wer möpselt, der riecht muffig. Was man alles lernen kann, wenn man sich bei der Anzahl der „P“s nicht sicher ist…)

Zum Abschluss schaue ich noch, wenn ich schon beim eher unauffälligen, aber netten Buchstaben F bin, beim Februar vorbei. Bin ich eigentlich allein mit meiner Angewohnheit, den Buchstaben und Zahlen irgendwelche Eigenschaften zuzuordnen? Ich finde Ⅿ einfach sehr sympathisch. Doch der Februar enthält kein M, dafür eine nette Hintergrundgeschichte. Bis zum 16. Jahrhundert hieß der zweite Monat des Jahres Hornung oder Sporkel. Sporkel gefällt mir wirklich, viel besser als die strikte Durchnummerierung der Römer besonders gegen Ende des Jahres.

Februar ist ein Reinigungsmonat, im altrömischen Jahreskalender der letzte Monat vor dem Beginn des neuen Jahres, das die Iden des Märzes mit sich bringt, die Sylvesterparties der Römer. Und hier muss ich sagen, haben die Römer mal wieder ihren Sinn fürs Praktische bewiesen: Klar, dass jeder Aufräumen will und angestaute Erinnerungen entrümpelt, um Platz für das neue Jahr zu schaffen. Doch wer schon mal die zwei Stunden „Helligkeit“ zum Dachbodenaufräumen nutzen wollte, sich unter lebensfeindlichen Bedingungen mit mehr als nur Rückenwind mit seinem Altpapierkorb zum Container durchkämpfen musste, der wüsste den Februar als Bilanzmonat mit Reinigungswirkung zu schätzen. Nochzumal dann sowieso wieder Frühjahrsputz ansteht. Bei der anschließenden großen Neujahrsfeier würde man sich zudem nicht die Handschuhe versauen, beim Versuch, die Sylvesterböller vom gefrorenen, heiligen Schwabenländleboden zu entfernen.


Karfunkel und Furunkel

10 01 2008

Ich liebe die Etymologie (= Wortherkunft) wegen der Geschichte, die sie den Wörtern gibt.
Diesen Beitrag könnt ihr euch unter dem Punkt „Vorlese-Archiv“ in der Seitenleiste von mir vorlesen lassen!

So ist vielleicht dem ein oder anderem der Begriff „Karfunkel“ bekannt. Ich kenne es nur von dem Buch „Mein Freund Karfunkel“ (1979) von Rosel Klein, in dem ein Mädchen sich nach anfänglichem Hass mit dem Sohn des Direktors namens „Himmelsbach“ anfreundet. Da sieht man mal wieder, was man sich alles ungewollt merkt. Besonders dieser außergewöhnliche Name blieb hängen, den nun übrigens auch der Oberbürgermeister meines Heimatbezirks Heilbronn (wer’s nicht kennt, hat nichts verpasst) trägt. Doch was der Name Karfunkel bedeutet, wurde im Buch nicht enthüllt und so verbinde ich den Namen mehr mit einer unangenehmen Hauterscheinung: dem Furunkel.
Dank meines Lieblingsbuches, dem Duden Herkunftswörterbuch, mit der mythischen Seriennummer 7, konnte ich diese eklatante Wissenslücke, über die Günther Jauch sicher den Kopf geschüttelt hätte, ausfüllen:

Mit „Karfunkel“ bezeichnet man feurig rote Edelsteine. Ursprünglich aus dem Lateinischen entlehnt „Carbunculus“ (–> Karbon‑…) wurde es mit dem deutschen Götterfunken im Hinterkopf umgewandelt in Karfunkel.
Dieser Stein war mit Sagen umgeben, wie uns die Gebrüder Grimm lehren. Er wuchs als Heil‑ und Zaubermittel im Schädel des Einhorns, im Gehirn der Kröte, sogar im Magen des Kapaunen (kein Wunder, dass ihn heute kaum einer mehr kennt. Wer sucht schon dort danach?). Als Tinkturschatz in der Alchemie gepriesen, fand er auch viel Wertschätzung unter den romantischeren Schreiberlingen. Albertinus: „Der karbunkl ist fewrfärbig und scheinet dermaszen, dasz sein glanz so gar durch die nacht nit kan uberwunden werden.“ (der welt tummel‑ und schauplatz; München 1612: 839)

Und was macht man mit neuem Wissen? Genau man freut sich, wenn man dadurch die Fehler anderer Leute entlarven kann und die Welt ein bischen besser versteht. Bestes Beispiel bei der Google-Suche nach dem Karfunkel-Buch: Sir Arthur Conan Doyles „Der blaue Karfunkel“. Da wusste wohl auch die Übersetzerin die genaue Bedeutung nicht mehr.

Aber eine Lysann will es genau wissen: Woher kommt nun das Wort Furunkel?

In der Wortabteilung F stoße ich auf einen besonders großen Abschnitt der zu dem gesuchten Wort gehört. Treffer! Das bedeutet nämlich, besonders viel Geschichte und Assoziationen. Lassen wir uns mal in die Geschichte des vernachlässigten Furunkels führen:

Im 16. Jahrhundert – wie so vieles aus den lateinische Gefilden gewaltsam ins germanische Reich rübergezerrt – wurde unser sympathisches Wort für „Eitergeschwür“ vom lateinischem furunculus entlehnt. Wie wir alle wissen, oder zumindest ich nach mehreren Jahren Unterricht wissen sollte, ist Furunculus eine Verkleinerungsform von der Stammform „Fur“, dem Dieb. Wir haben es also mit einem „kleinen Spitzbuben“ (Duden) oder Diebchen zu tun. Nachgewiesen ist auch die Bedeutung als „Nebenschössling“, aus dem Gebiet der Rebstöcke. Das führt zu der Theorie, dass Winzer das Wort ‚Furunkel‘ ähnlich wie ‚Geiz‘ (im Sinne von ‚schmarotzender Trieb‘) ursprünglich scherzhaft gebrauchten, weil die kleineren Nebentriebe des Rebstocks dem Haupttrieb den Saft ‚stehlen‘.

Und was haben nun Rebstöcke mit unseren heutigen Furunkeln zu tun?
Wohl weil ein Geschwür dem Auge am Rebstock ähnelt und eine Blutkonzentration um den Eiterherd bewirkt – also somit Körpersäfte moppst – übertrug ein phantasievoller Arzt den Begriff auf die Entzündung.

Dies war also der langversprochene etymologische Abstecher in die tiefsten Tiefen des verborgenen Wortsinns. Konnte ich euer Herz nicht mit meiner Geschichte über Furunkel erwärmen, so sollen Goethes Worte für mich sprechen:

„doch ich fühle schon erbarmen
im carfunkel deines blicks.“


„Hätten wir hier nicht rechts gemusst?“

30 11 2007

So eine Lysann, die braucht ein bischen Verwirrung, ein bischen Veränderung in ihrem Leben. Und wie erzeugt man Verwirrung? Genau. Man biegt links ab, wo man immer rechts abgebogen ist.

Der neue Sport: Verfahren

Ich habe die Philosophie des Verfahrens für mich entdeckt. Es mag zum Teil daran liegen, dass das flachbrüstige Hessen (bzw. Darmstadt) keine guten Kurven bietet. Zum anderen auch daran, dass man Abkürzungen finden möchte – die altbekannte Suche nach dem Besseren. Doch der eigentliche Reiz liegt darin, einmal später abzubiegen und auf der anderen Seite der Stadt herauszukommen, ohne es sich geographisch erklären zu können.
Eine ungeahnte Freude! Neue Stadtteile gibt es zu entdecken, mit ihren Naturparks, Verkehrsführungen (oder Entführungen) und Geheimrestaurants. Und dann die Erleichterung endlich etwas wiederzuerkennen. Der Stolz zu wissen, wohin dies Abbiegung führt, an der ich sonst immer vorbei fahre. Einfach der Reiz des Entdeckens. Im Zeitalter der ausgemalten Weltatlasse – weiße Flecken sind verpönt – im Zeitalter der googlemaps und des Navi gönne ich mir die Freiheit, nicht zu wissen, wo es langgeht. Wie sonst findet man die besten Parkplätze? Das fast vergessene Schlösschen mitten im Wohgebiet?

So spreche ich ein Plädoyer fürs Verfahren aus: Schaltet die Navis aus, zerreist die Straßenkarten und überlasst euch eurem Orientierungsgefühl (und wer keins hat, wird wohl ein kontaktfreudiger Mensch werden). Denn wie sagte einst so schön Goethe? „Entdecke die Möglichkeiten!“
Ach nein, das war Ikea :D


Eine Hommage

29 11 2007

Ich möchte auf diesem Wege einer kleinen Person zu Ruhm verhelfen. Naja klein ist sie nicht, nur meine kleine Schwester und auch meine Hilfe zum Ruhm hat sie wahrlich nicht nötig. Doch möchte ich euch an drei Dingen zeigen, was sie zu „meiner Kleinen“ macht:

1. Dass sie sich immer so verhält, als ob sie die Ältere von uns beiden ist. Manchmal glaube ich es ihr sogar. Anbei bemerkt, es liegen 6 Jahre zwischen uns. Ob sie mich beim Einkaufen fragt, ob ich auch wirklich an alles gedacht habe oder beim Autofahren sagt „Ras nicht so“, ob sie meinen Lieblings-Lidl-Verkäufer in Hörweite runtermacht „Wie der dich wieder angelächelt hat! “ oder mich in den seltamsten Situationen stärkt – meine Schwester ist wirklich mit allen Wassern gewaschen.

2. Sie gehört eindeutig zur Familie. Sie ist aufbrausend, und kann doch durch ihr unschuldiges Lächeln jeden rumkriegen. Sie verhandelt gerne. Wenn wir Schokolade essen, bekommt jeder eine Tafel. Anders gibts nur Krieg. Und Krieg gibt es häufig, denn bei uns wird viel gestritten, manchmal auch bis aufs Blut. Doch sind wir sind uns einig, wenn es darum geht, den Gegner niederzumachen.

3. Wir sind zwei Showqueens. Wenn wir gemeinsam Bollywoodfilme schauen, geht ein wahres Feuerwerk an Mitgefühl, Mitsingen oder ironischen Zwischenkommentaren über die Bühne. Außer sie schnappt sich mal wieder das letzte Schokobonbon – doch trotzdem: Mit niemand anderem macht Fernsehschauen soviel Spaß.

Also Janet, meine gaanz, ganz Kleine (ich weiß, das ärgert dich), ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag!!
Du weißt, ich bin da für dich und wenn es hart auf hart kommt, dann kommst du mal zu mir zum Urlaub machen.

So, und jetzt bist du ein bischen berühmt ;)


Himmelarschundzwirn! Diese verdammte Post!

29 11 2007

Ich bin auf dem Pfad des Todes. Jemand wird dran glauben müssen. Und was ist der Grund?
Meine persönliche Hölle namens Post.

Wie in dem Beitrag „Wöchentlich grüßt der murmelnde Postmitarbeiter“ angekündigt, begab ich mich heute ins Zentrum des Schreckens: Die Post von Dieburg.
Ich ließ mich nicht abschrecken, ging direkt zu den Umschlägen und suchte den passenden aus, stellte mich an und erblickte SIE. Direkt vor mir schloß der Schalter mit der liebenswürdigen Brünetten und SIE öffnete ihre Pforten. Ein Blick und wir beide wussten: Das würde nicht gut ausgehen. Ich habe es eilig, muss eine Freundin rechtzeitig zum Bahnhof bringen. SIE hat alle Zeit der Welt.

Doch ich bin Optimist, trage mein Anliegen vor, zeige ihr den Umschlag mit dem Buch und dass ich gern den Umschlag bez— SIE dreht sich um. In aller Ruhe stempelt sie Pakete und stapelt Kisten. Ähm, Entschuldigung? Ein Blick auf mich und der Entschluß in ihren Augen: „Die kann noch warten“. SIE auch bekannt unter dem Namen Marianne Ⅾ. (Neu-Taufung meinerseits) bemerkt, dass es leider sonst nichts mehr zu tun gibt und kehrt zurück. Freundlich wie immer. „Dat geht nich“. Wie das geht nicht? Das ist eine verdammte Buchsendung, was soll da nicht gehen? Sie überwindet sich zu einer Antwort: „Na, Buchsendung kann ich nich Briefmarken geben. Geht nich.“ Ja, aber warum?? „Ja, gibt so’nen Code. Muss ich direkt drucken.“ Wo ist das Problem? Liegt doch vor ihr, soll sie’s draufkleben, draufstempelt oder sonstwas, Hauptsache weg! Ein Gedanke braut sich zusammen, ihre Stirn zeigt es deutlich. „Warten’s mal. Na dat wiegt doch zuviel. Gebens mal her. So. Mehr als’n Kilo. Päckchen.“ So, da hab ich’s. Was muss der Kunde auch so doof nachfragen? Jetzt bin ich offiziell zum Geldbeutelleeren verurteilt. Umschlag (zu klein) und Päckchenversand – das macht 7 Euro. Und an diesem Punkt bin ich bereit, als liebes, nettes Mädchen, das nur Gutes will, dieser Angestellten „eins in die Fresse zu schlagen“. Meine Gewaltbereitschaft ergießt sich in Gewaltphantasien, ich plane Boykottaktionen, zerfetze Versandtaschen und sie sitzt mittendrin als Geisel. Aber ich hab es ja eilig. Wann anders.

Ich renne zum Auto samt Buch in Quetschverpackung, einem weiteren Umschlag (wieder das alte Problem, dass man mehrere kaufen muss), Päckchenzettel zum Ausfüllen, Quittung und – irgendwie haben sie sich wieder eingeschlichen – zwei Prospekte für ein Postbankkonto. Wie eine Blöde rase ich zum Hauptbahnhof, doch davor muss ich durch den Dieburger Wald (endlos) und ganz Darmstadt (endloser). Bei der sechsten roten Ampel steht das Wort „scheitern“ klar vor meinen Augen. Auch das werde ich nicht schaffen.
Wir kommen zu spät, der Zug ist fort, ich bin Schuld und mein Buch ist immer noch nicht verschickt.

Manche werden jetzt sagen: „Ach, positiv sehen!“. Stimmt. Jetzt habe ich mehr Platz im Zimmer. Da das Buch für 13 Euro verkauft wurde, ich zwei Euro an Amazon abdrücken muss und 7 Euro für das Päckchen bezahlen musste, habe ich ja immerhin noch 4 Euro Gewinn gemacht. Wenn man von den Spritkosten und dem Umstand absieht, dass das Buch neu war und andernorts für 18 Euro angeboten wird. In der Zwischenzeit wurde wieder ein Buch von mir gekauft. Hurra.