Folgende Stelle:
„… und ehe Kitty sich besinnen konnte, fühlte sie, dass sie nicht nur in Annas Bann geraten war, sondern dass sie sich auch in sie verliebt hatte, wie sich eben junge Mädchen manchmal in verheiratete Frauen verlieben, die etwas älter sind als sie.“ (S. 110)
Woher WEIß Tolstoj das nur? Das Interessante ist, dass ich solche Stellen lese und dann eine Seite später immer noch daran denke. Diese menschliche Bewegung ist so perfekt beschrieben, man könnte meinen es sei ihm selbst passiert. Nochzumal es eine Regung ist, die einem selten bewusst wird. Das also noch zu dem Punkt, Tolstoj schreibe sehr einfühlsame Liebes-Szenen. Er scheint sich ja in alles einfühlen zu können. Und die Liebesgeschichte ist so spannend, wie es solche Geschichten nunmal zu sein pflegen.
Tolstoj schreibt auch sehr sinnlich. Es gibt eine wunderbare Passage hier darüber, wie sich Kitty in ihrem Ballkleid schön „fühlt“. Das Ganze ist so geschrieben, dass man förmlich ihre Attraktivität zu berühren glaubt. Aber ich gebe zu, ich bin zu faul, diese doch fast eine Seite umfassende Beschreibung hier abzutippen. Dafür dieser kleine Satz, der eben jene Sinnlichkeit im Kleinen sehr gut demonstriert:
„In den entblößten Schultern und Armen spürte sie etwas wie Marmorkälte, ein Gefühl, das sie besonders gern hatte.“ (S. 118)
Seite 150. Zu spannend um etwas schreiben zu können. Es entwickelt sich unaufhaltsam. Ich liebe diese Auswegslosigkeit in Romanen und frage mich, ob unser eigenes Leben auch mehr oder weniger durch uns selbst bereits festgelegt ist.
Seite 155 „HA!“ Schauer schütteln mich, ich halte das einigermaßen schwere Buch ganz auf Augenhöhe, kralle es, kann kaum atmen „Ha!“ Ok, so viel: Man kennt ja den Ablauf dieser Liebesgeschichten – aber ich schwöre, sie sind alle nur ein Abklatsch dieser. Man muss es sich vorstellen wie Platons Ideen, die den verkümmerten, unvollkommenen realen Dingen als Vorlage dienen.
Herrlich auch diese Stelle. Nebenbei gesagt – schon an dieser Stelle hat sich Tolstoj bei mir einen Platz als Lieblingsschriftsteller sichern können. So leicht kann er ihn nicht mehr verlieren, aber ich hoffe der Rest des Buches gibt auch keinen Anlaß zum Punktabzug.
„Wronskij hatte in dieser Nacht nicht einmal versucht, einzuschlafen. Er saß auf seinem Platz und starrte vor sich hin, oder er musterte die Ein‑ und Aussteigenden, und wenn er schon früher Leute, die ihn nicht kannten, durch die unerschütterliche Ruhe in seinem Gesicht überrascht und gereizt hatte, so schien er jetzt erst recht stolz und selbstbewusst. Er betrachtete die Menschen wie Sachen. Ein nervöser junger Mann, Beamter beim Kreisgericht, der ihm gegenübersaß, begann ihn wegen dieser Miene richtig zu hassen. Der junge Mann bat ihn um Feuer, versuchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, stieß ihn sogar an, um ihn fühlen zu lassen, dass er kein Ding, sondern ein Mensch sei, aber Wronskij sah ihn ebenso gleichgültig an wie die Laterne, und der junge Mann schnitt Gesichter, weil er fühlte, dass er unter dem Druck dieser Weigerung, ihn als Menschen anzuerkennen, beinahe seine Selbstbeherrschung verlor.“ (S. 157)
Ist das nicht eine prächtige Beschreibung? Herrlich, diese Situationskomik, einfach grotesk dieses Zusammenspiel der beiden. Dabei ist es ja nur eine kleine Randszenerie, einfach so eingestreut, und doch… es liest sich wie ein kleiner Psychologieexkurs.
Och, schon der erste Teil zu Ende? Naja es gibt ja sechs, wie ich gerade gesehen habe beim Durchblättern. Am liebsten würde ich das Buch gar nicht aus der Hand legen, aber ich möchte auch nicht durch fehlende Aufmerksamkeit etwas von seinem Reiz verpassen.
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