Ich bin stolz drauf…

14 11 2008

… ein Lied drei Stunden hintereinander hören zu können. Im Grunde läuft es schon seit 18 Uhr gestern abend. Früher habe ich meine Mutter damit in den Wahnsinn getrieben. Aber hier kommt sich keiner beschweren – schöne anonyme Freiheit!

Erst mit der Zeit lernt man das Lied richtig kennen, und fängt an darin zu leben – oder gibt das Lied dem Leben einen Rhythmus?


Kleine chinesische Geschichte

12 11 2008

Ein alter Mann lebte einst in einem kleinen Dorf. Er war arm, doch selbst Könige beneideten ihn, denn er besaß ein weißes Pferd, wie es weit und breit nicht zu finden war. Sie boten ihm viel Geld für das Pferd, aber der Mann wollte sein Pferd nicht hergeben.

Eines Morgens jedoch stand sein Pferd nicht mehr im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du dummer alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen werden würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Was für ein Unglück!“

Der alte Mann sagte: „Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Denn das ist die Tatsache; alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist, oder ein Segen, weiß ich nicht, weil dies ja nur ein Bruchstück ist. Wer weiß, was daraus folgen wird?“

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war. Aber nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und es brachte dazu noch sechs wilde Pferde mit.

Wieder versammelten sich die Leute, und sie sagten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.“

Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: Das Pferd ist zurück. Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz – wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Die Leute wussten darauf nicht viel zu sagen, aber sie dachten, dass es der Alte mit seiner Ansicht übertrieb. Schließlich hatte er sechs prächtige Pferde dazugewonnen, als alles verloren schien.

Der alte Mann hatte einen Sohn. Dieser versuchte die Wildpferde zu zähmen. Doch eine Woche später fiel er dabei unglücklich vom Pferd und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Du hattest wieder recht! Es war ein Unglück! Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“

Doch der Alte antwortete: „Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob das ein Unglück oder ein Segen ist. Das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es begab sich, dass das Land kurz darauf von einem Krieg überschattet wurde. Alle jungen Männer des Ortes wurden eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war, und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht zurückkehren würden.

Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann – es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind nun für immer fort.“

Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß, wozu die Tat letzlich dient! Man kann nur dies sagen: Eure Söhne sind in die Armee eingezogen worden und mein Sohn nicht. Doch nur wer alles überblickt, kann wissen, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

Diese Geschichte wächst mir immer mehr ans Herz. Das ist die volle Version, zum Genießen und Nachdenken.


Kennst du deine Eltern nackt?

6 11 2008

Kennst du deine Eltern nackt? (Audiobeitrag)

Sonntag Morgen: Die ganze Familie findet sich gähnend im Bad ein. Während der eine unter die Dusche taumelt, putzt der andere sich die Zähne oder zieht sich um. Es wird geschminkt, gekämmt, geföhnt und gesprayt, nach Modemeinung gefragt oder einfach nur rumgestanden. Schließlich ist es ja Sonntag. Ein Sonntag wie bei wohl allen – dachte ich bis jetzt immer.

Demletzt musste ich erkennen, dass das Gemeinschaftszimmer Bad wohl doch nicht in allen Familien existiert. Allein der Gedanke, zusammen mit anderen Familienmitgliedern das Bad zu teilen, fanden einige äußerst seltsam. „Im Bad bin doch nur ich?“ Und sie fragen weiter: „Schließt du etwa nicht ab?“ Nein, wieso auch? Das ist doch meine Familie. Die kennen mich doch! Kennst du deine Eltern etwa nicht nackt?

Und viele tun es nicht. Woran liegt das?

Bekanntlich – oder meiner beschränkten Erfahrung nach – sind besonders Ostdeutsche dem Körperlichen etwas aufgeschlossener. Man denke an die verbreiteten FKK-Strände, die hier im Ländle zwar langsam, aber stetig Zuwachs erhalten. Diese Konfrontation mit der Nacktheit bin ich auch nicht unbedingt gewöhnt, und ist mir auch eher unangenehm. In der Familie halte ich Nacktheit jedoch für normal.
Gerade was meinen Körper angeht, hat es mir, glaube ich, viel geholfen zu wissen, wie meine Mutter nackt aussieht. „Ah, so werde ich wohl auch mal aussehen“. Im Nachhinein stimmte das eher nicht. Wo sind die langen Beine geblieben? Und das Endlos-essen-können-ohne-zuzunehmen? Und blond bin ich dann leider auch nicht mehr geworden. Aber es war eine Orientierung. Besser als jede, die ich in irgendeiner verschnodderten Bravozeitung oder Modelshow hätte finden können. Ich hab meinen Anker, ich sehe ungefähr so aus wie meine Mutter und das ist auch unterbewusst mein Ziel. So wie Hunde ihren Besitzern gleichen (ein besseres Beispiel ist mir leider spontan nicht eingefallen).

Ein Nachteil des Nicht-Abschließens sind Tage, an denen Besucher da sind. Ich entschuldige mich hiermit bei allen, die mich sekundenweise entblößt sehen mussten. Ich weiß. Trauma. Aber auch beim Baden kommen die Tücken dieser Offenheit zum Vorschein. Beispielsweise wenn die kleine Schwester schnell reinschaut, um was zu fragen und dann die Tür nicht zumacht. Es zieht. Es wird immer kälter. Man ruft nach der netten Schwester, sie möge doch die Tür schließen. Das hört diese dank der neuen Lautsprecher aber schon längst nicht mehr. Verzweifelte Rufe hallen durchs Haus, aber aufstehen will man ja nicht. Es ist ja grad so huschelig…aber man hat keine Wahl.

Trotzdem kenne ich es nicht anders. Im Internet findet man ein paar Foreneinträge dazu. Einige sind dieser Fragestellung geschickt ausgewichen: Eine eigene Etage, zwei Badezimmer, unterschiedliche Nutzungszeiten oder ein undurchsichtiger Duschvorhang machen eine klare Stellungsnahme zum Nackt-sein unnötig. Vorteil eines undurchsichtigen Duschvorhanges ist, dass die Schwester nicht markterschütternd schreit, wenn man schaumerblindet das falsche Shampoo ergreift. Aber zurück zum Thema. In folgender Umfrage (die Seriosität darf angezweifelt werden) fällt das Ergebnis eher negativ aus: Mehr Menschen ziehen sich lieber nicht vor ihrer Familie aus. Manche beschreiben es gar als einen Eingriff in ihre Intimsphäre. Dabei denke ich, dass gerade meine Familie einen tieferen Einblick in meine Intimsphäre hat. Aber in der Pubertät ist einem auch einiges mehr peinlich. Da kann es schon extrem peinlich sein, wenn man erzählt, welche Joghurtsorte die Kleine nicht mag. Ja, große Schwestern sind unsensibel.

Nun Nacktheit hin, Nacktheit her. Ich springe gerne nackt durch die Gegend. Es macht mir Spaß, zum Leidwesen meiner Nachbarn, die sich schon nicht mehr trauen aus dem Fenster zu schauen. Ich stelle mir auch einen Tag ganz nackt sehr lustig vor, doch noch wohne ich in einer WG. Aber nur so mal weitergedacht, das häufige Kleckern wäre dann nicht mehr so schlimm.

Meine Eltern nicht nackt zu kennen, fände ich seltsam. Es ist wohl alles Gewöhnung. Doch auf seine Weise schafft Nackheit auch ein Gefühl der Verbundenheit. Vielleicht weil dafür auch gegenseitiges Vertrauen gegeben sein muss.

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Zum Weiterlesen:

Hätten wir hier nicht rechts gemusst?

Küchenhorror

Schlaflos = Sprachlos?


ZDF-Info twittert wild waehrend Barack Obama im Hintergrund Praesident wird

5 11 2008

Was für eine Nacht. Bartman’s World, ich sowie einige Freunde haben zusammen den historischen Präsidentenabend miterleben wollen. Es wurde ganz nett – wenn auch der Schwerpunkt weniger auf Amerika lag als gedacht. Im Folgenden die Highlights und besten Kommentare vom Wahlabend:

Im Vorfeld Diskussionen: Spannend ist diese Wahl vor allem, weil es höchstwahrscheinlich den ersten afro-amerikanischen Präsidenten geben wird, bei dem die Hautfarbendiskussion seltsamerweise fast komplett ausgeblendet wurde. Wird das die Wähler bei der Stimmenvergabe trotzdem beeinflussen?

0:00 Uhr. ZDF: Ein auffällig lächelnder Hintergrundgast verschwindet während einer Korrespondenzschaltung. Wir suchen. Hat das ZDF da seine Hände im Spiel?

Alle Experten aus Amerika sprechen eher schlechtes Deutsch. Endungen sind sowieso nicht so wichtig. Wir pauken hier Business-English und die finden es anscheinend ok, unverständlich vor sich hin zu quaken. Beispiel Karen Dorfield und weitere.

Wir finden auch eine Ausnahme: Koenig. Während wir noch rätseln, ob er nun Deutscher ist oder nicht, und uns schließlich für „perfekt sprechender Amerikaner“ entscheiden, ist sein Untertitel längst ausgeblendet. Mist. Ist er vielleicht Botschafter gewesen?

Im Vergleich zu den WM‑ oder EM-vergleichbaren Zusammenkünften wirken die deutschen Moderatoren und Experten vom ZDF eher altbacken und verstaubt. Ein Wahlhype wie in Amerika – in Deutschland denkbar? Angela Merkel als charismatische Medienherrscherin? Darum feiern wohl viele umso elanvoller bei den Amerikanern mit. Wir wollen auch, dass um unsere Stimme gebettelt wird, mit kreativen Filmchen, unterhaltsamen Fernsehauftritten, bewegenden Massenreden. Toll, was die da haben. Alle spüren den Umbruch und das jeder teilnehmen darf an dieser riesigen Party…um dann wieder zurück auf Deutschland schauen zu müssen…

Der ZDF-Info Teil, der immer wieder bei der ZDF-Hauptsendung „Heute – die Nacht der Entscheidung“ eingefügt wurde, war wohl der amüsanteste Part des Abends. So amüsant, dass wir mehr ZDF-Info geschaut haben, auch wenn man dort nie wirklich auf dem Laufenden war. Zu ZDF selbst sei noch gesagt, dass „Die Augenbraue“ Matthias Fornoff, live aus Washington zum Favoriten meines Wahlabends wurde. Es mag an der zusammenhangslos sich hebenden rechten Augenbraue gelegen haben, gegen 4 Uhr wurde echte Sympathie daraus. Mein Lieblingskorrespondent.

Nun zu ZDF-Info. Es war ganz dem Thema „Weltweit Web“ (O-Ton ZDF Wahlabend-Moderator Peter Frey) gewidmet. Und darunter versteht man anscheinend nur Twitter. Was denn Twitter sei, fragte ein Zuschauer per Twitter. Der Running-Gag des Abends. Wir waren erstaunt: Twitter, ein Programm, mit dem man kurze Nachrichten ähnlich dem Chatten ohne konkreten Adressaten online in die Gruppe stellt – das war also das Wahlmedium schlechthin? Wir Online-Journalisten guckten nicht schlecht. Keiner von uns hat Twitter je ausführlicher benutzt, da wir es nach ein paar Versuchen weniger reizvoll fanden. Aber sich über die Wahlvorgänge zu informieren stand auch nicht im Vordergrund dieser Standup-Sendung. Das Improvisatorische sollte wohl mit Lockerheit verwechselt werden. Was rauskam, war uninformativ, unwillentlich unterhaltsam und brachte die Online-Seite dieser Wahl kaum zum Ausdruck. Wenn das überhaupt je die Absicht gewesen war.

Es wurde gefilmt, welche Seiten Claus Kleber ansurfte, was er sich gerade anschaute oder anschauen wollte. Wir waren mehr damit beschäftigt, rauszufinden, welche Reiter Herr Kleber da noch offen hatte und waren glücklich, als wir entdeckten, dass er wohl mit Mozilla surfte.

Wie alle so in dieser Laptoprunde zusammensaßen, entspannt vor sich hinklickten ohne sichtbares Ergebnis (Vermutung: Die chatten alle untereinander) und Claus Kleber in der Mitte versuchte, Inhalte näher zu bringen – das erinnerte uns doch sehr an unser Studium.

2:45 Uhr. Wir bemerken, dass Claus Kleber als ehemaliger USA-Korrespondent überraschend Akzent-gefärbtes Englisch spricht.

Seine Moderationspartnerin macht sich noch unmöglicher, als sie folgenden Satz formuliert: „…the real elevations the internet has did.“ Setzten, sechs. Die kann man doch nicht in Amerika frei rumlaufen lassen!

2:50 Uhr. Eine Skype-Attacke. Während eines Skype-Interviews musste die erwähnte Moderatorin Dutzende von Anrufen und Chatangeboten via Skype ablehnen. Niemand bekam etwas von der Interviewten mit. Andauernd poppten neue Fensterchen auf. Die Moderatorin sprach hektisch in ihr Headset. Die Interviewte sprach seelenruhig weiter. Jaja, die vom ZDF… Ein wundervoller Fernsehmoment. Die Macht des Volkes. Alle wollen mal Hallo zu Claus Kleber sagen. Oder im Fernsehen sein.

3 Uhr. Claus Kleber verkündet: „Wir sind so weit, dass wir sagen können, der nächste Präsident heißt Obama.“ Wir sind alle platt. Woher weiß er das denn jetzt? Also umschalten auf ZDF, CNN, etc. Niemand weiß etwas davon. Tja, ZDF-Info ist auf seine Art allen voraus. Eine Begründung ist im Online-Zeitalter unnötig. Hauptsache man urteilt und schreibt, schreit oder twittert es in die Welt hinaus.

Es folgen weitere Interviews mit Claus Kleber, die er selbst nebenbei zu übersetzen versucht. Kommentar aus unserer Runde: „Also ehrlich. Eigene Übersetzungen machst du bei Viva!“. Wo er Recht hat. Doch es soll ja alles locker sein, spontan. Die Interviewten schauen verängstigt in die Kameras: „Meint er gerade mich?“, „Wo soll ich hinschauen?“, „Darf ich jetzt wieder gehen oder redet er noch mit mir?“. Ebenfalls sehr unterhaltsam. Manche können entkommen.

Dann erklärt uns Claus Kleber die Abkürzung „LOL“. Die stehe natürlich für „Lots of Laughter“ (Viel Gelächter). Ein lehrreicher Abend. Wir dachten immer, es stünde für „Laughing out loud“ (Laut Auflachen). Aber so überzeugend, wie er das rüberbringt… Stellt sich die Frage, was kann man hier überhaupt glauben?

Immer wieder wird getwittert, über Twittern geredet oder Twitter gezeigt. Dabei handelte es sich hier zum einem immer wieder um dieselbe Mitteillung (“Wahl lief toll ab. Hab nur 10 Minuten gebraucht. Bin stolz.“), zum anderem wird man den Verdacht der Schleichwerbung nicht los.

3:50 Uhr. Erste Halluzinationen. Hat Peter Klöppel grünes Haar?

4:40 Uhr. Wir sind uns sicher. Claus Kleber hat sich die Hose gewechselt. Was war da los?

4:46 Uhr. Jetzt wird es nochmal richtig spannend. Erste Eingeschlafene werden auf ZDF im Zoom gezeigt. Vielleicht eine versteckte Botschaft. Wir geben nicht auf.

5 Uhr. Endlich. Der Präsident steht fest. Barack Obama. Zwei Stunden nach Claus Klebers Verkündung ist es wohl auch nach Amerika durchgedrungen. Ja, die sind halt langsam und unprofessionell. Aber das kennt man ja schon. Jetzt nichts wie heim.

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Zum Weiterlesen:

Reportage

Die weiße Magie Journalismus

Karfunkel und Furunkel


Novemberweihnachtsbaum

2 11 2008

Tannenbau,


Leben einhauchen

31 10 2008

Vielleicht sollten wir auch mehr Gegenstände personalisieren. Es kämen wahrscheinlich viel interessantere Gespräche zustande.

Der Nachteil ist, wenn man dann plötzlich mit seinem Toilettenpapier politisch nicht mehr einer Meinung ist und nirgendwo mehr eine ruhige Minute findet, weil immer wenn man das Bad betritt, es anfängt, einen mit gehässigen Kommentaren und kratzigen Verhalten das Leben schwer zu machen … aber das ist ja nur eine Möglichkeit :)

Nothing to see here .


Kann ja jedem mal passieren.

27 10 2008

Als heute eine Frau in einem weißen VW-Golf vor mir auf der Links-Abbiegerspur der Hauptstraße stand und die Autos von der linken Nebenstraße reinwinkte, blieb ich ganz ruhig.


Ja oder nein? Oder ja?….oder doch lieber nein?

25 10 2008

Entscheidungslosigkeit. Millionen Menschen sind betroffen. Ach was rede ich. Sicher Milliarden. Die Dunkelziffer der Unentschlossenen ist erschreckend hoch. Abgesehen natürlich von den Menschen, die auf alles eine Antwort haben.

Fragen gibt es ja genug, über die man länger nachdenken kann. Beginnen kann man mit der Frühstücksfrage: Müsli oder Brot? Geübtere gehen über zur Kleidungsfrage: In was sehe ich besser aus? Für Fortgeschrittene dann die Planungsfragen, die bereits ein hohes Maß an abstrakten Denken erfordern: Zuerst Bewerbungen abschicken, dann duschen, dann Geschirrspüler ausräumen und dann saugen? Wo kann man welche Nebeneffekte nutzen? Und als Profi ist man dann bei den wirklich großen Fragen des Lebens angekommen: Gehe ich auf den Geburtstag eines Freundes aus meiner WG oder sehe ich wie vereinbart meinen Freund einen Tag früher? Hier müssen dann alle Register gezogen werden. Ethische Werte stehen auf der Waage, mögliche Entscheidungen werden in Szenarien umgesetzt und im Kopf immer wieder auf Vor‑ und Nachteile analysiert. Und alles was rauskommt ist: Ich weiß nicht, wofür ich mich entscheiden soll. Eher Geburtstag?

Ich denke, dass da jeder seine eigenen Entscheidungsschwachpunkte hat. Und klar gibt es auch Tage, da kann ich mich noch nicht mal darauf festlegen, ob ich jetzt aufstehen soll oder nicht. Aber meine absolute Schwierigkeit ist – und da bin ich mir nun sicher – diese Wertentscheidungsfragen. Vielleicht haben sie ganz harmlos begonnen: „Willst du zu meinem Geburtstag kommen?“ Und man sagt ja, weil man die Person mag, das Feiern mag, ein Nein gar nicht auf der Liste steht. Und schon beginnt es.

Mein fleißiges Hirn ist wie eine Putzfrau im Frühjahrsrausch – alles wird rausgeschmissen. Flüchtige Notizen, wichtige Unterlagen, alles was grad so rumliegt und das freue Durchatmen verstopft, kommt in die Mülltonne. Weil es so ein schönes Gefühl ist, wenn alles sauber ist. Oder einfach, weil mein Hirn den Trubel liebt, den es verursacht. Ich hab nämlich vergessen, dass ich für den Tag auch jemand anderem mein Kommen versprochen habe. Ich sollte also lieber zum Liebsten fahren, auch wenn ich dafür mehr als zwei Stunden unterwegs bin. Oder?

Während des Tages diskutiere ich heftig mit mir selbst, es wird nach Argumenten gesucht, bis ich dann anfange, die Betroffenen selbst nach ihrer Meinung zu fragen: „Wie gern hättet ihr denn gern, dass ich komme?“. Nicht fair, ich weiß. Was sollen sie auch sagen. Ich versuche das Ausmaß der Verzweiflung abzuschätzen, wenn ich sie versetzen müsste. Die Höflichkeit macht es da einem echt schwer. Und nicht zu vergessen: Wonach ist mir? Leider kann ich meine Launen genauso gut abschätzen wie die Staus auf den Autobahnen (mit Ausnahme von Freitagen und der A81). Also auch von dieser Seite keine echte Hilfe.

Ganz Pfiffige bieten einem die Werf-ne-Münze-Lösung an. Doch das empfinde ich schon fast als Beleidigung für meine Problemlösungskompetenz. Ich werde ja wohl ne bessere Begründung für mein Handeln finden als die Aussage: „Du warst eben Zahl. Sorry.“ Letzten Endes aber ist dieser Weg doch sehr hilfreich. Im Grunde will man die Münze nicht werfen, WEIL man schon eine Entscheidung favorisiert, aber noch nicht genügend Gründe zusammen hat, um diese vor seinem moralischen Gewissen vertreten zu können. Dann ist ja alles klar. Auf zum Liebsten.

Am nächsten Tag ist jedoch so viel zu tun, dass ich mir wünsche, ich hätte mich für den Geburtstag entschieden, dann müsste ich nicht so früh los und könnte jetzt noch alles entspannt von meiner To-Do-Liste abhaken. Soll ich mich nicht doch noch einmal umentscheiden?


„Du bist ok“-Bücher

22 10 2008

Sind nicht die Ratgeber die besten, die genau das aussprechen, was wir uns still gedacht haben?

Menschen, die dem Stimme verleihen, das wir selbst in uns tragen, aber aus bestimmten Gründen nicht sagen oder gar ausleben?

Zu dieser Kategorie gehören auch all die Bücher, die uns erklären, warum es gut ist, wenn man nicht alles perfekt macht. Bücher, die behaupten und fragwürdig beweisen, dass man es mit Faulheit viel weiter bringt als mit verbissenem Ehrgeiz. Dahinter mag mehr oder weniger Bewiesenes stecken. Hauptsache ist jedoch, dass sie uns in dem bekräftigen, was wir bis dato mit schlechten Gewissen kaum zugeben wollten. Oder auch die berühmt berüchtigten „Sag Nein, wenn du Nein meinst“-Bücher. Alle nehmen uns die Unsicherheit ab und wir fragen nicht weiter nach vor Erleichterung.

Wieso fällt es uns so schwer aus uns selbst Sicherheit zu schöpfen? In den Büchern steht kaum mehr drin als man sich selbst schleimend vor dem Spiegel sagen kann. Und doch wollen wir ihnen glauben schenken, halten Gedrucktes für wahrer. Das ist wohl die Macht der Medien.

Doch glücklicherweise sind nicht alle so. Es gibt einige Bücher, die es wirklich geschafft haben, mein Denken zu verändern und aus denen ich gelernt habe, mich selbst besser zu verstehen. Bloß wie erkenne ich diese unter der Ratgeberschwemme? Im Notfall: Danach.


Skrupellos, aber (noch) skalpelllos

15 10 2008

Der Tag steigerte sich durch diverse Stadien der Genervtheit bis hin zum finalen Siedepunkt:
Dem Zusammentreffen mit meiner Mitbewohnerin
 – dem Endgegner sozusagen (für alle Nicht-Zocker: Der letzte und stärkste Gegner im Spiel). Eine Person, die es perfektioniert hat, jeden auf seine Fehler hinzuweisen und einen in zwei Sekunden in den dreckigen Boden der Weltuntergangsrealität zu treten. Wer zu fröhlich ist und unvorsichtig sich beim Lächeln erwischen lässt, darf sich auf eine kleine Belehrung gefasst machen, die sie immer großzügig verteilt. Aber sie studiert ja Lehramt und da steckt die unbegründete Überlegenheit bereits im Blut. Nett und sozial wie man ist, raunzt man harmlos ein bischen zurück und fühlt sich dabei schon unverhältnismäßig aggressiv.

Doch heute ist es anders. Ich bin _wirklich_ schlecht drauf. Wer mich anschaut, würde sich ducken. Meine Mitbewohnerin nutzt die Gelegenheit und taucht auf:
„Aber du weißt schon, dass du da ‚nen Deckel draufmachen musst?“

Das Gefährliche hierbei ist, dass man sich dafür auch noch entschuldigen will und sagt: „Ja, ich musste noch schnell die Tür aufmachen“. Aber das ist die falsche Strategie. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, sie mit unbewegten Gesicht anzustarren. Vielleicht merkt sie ja selbst, dass es sie nichts angeht. Sollte dies der Fall sein, lässt sie sich jedoch von dieser Stimme in ihrem Kopf nicht stören. Heute ist meine mentale Reaktion besonders heftig. In meinem Kopf schreit es: „Das geht dich einen Scheißdreck an!“, „Wenn interessiert’s?!“ „JA, ICH WEIß!!“ oder ich sage „Nein, mit dem Deckel hatte ich was anderes vor“ und gehe dabei langsam auf sie zu…. doch ich kann mich noch irgendwie halten. Murmel was in mich rein. Versuche nicht zu intensiv auf die Messerschublade zu schauen und verziehe mich auf das Sofa vor dem Fernseher, das direkt neben der Küche steht.

Rechts: meine Mitbewohnerin; Links: ich

Eine weitere Spezialität von ihr ist das ewige Einmischen, wenn man sich mit jemanden unterhält. Ich frage wenig später meinen Mitbewohner, ob ich was von seinem Kuchenteig probieren darf. Wer antwortet? Klar, die Hoheit des Raumes: „Nein, kannst du nicht.“ Das sind dann nur noch Holzscheite in ein bereits lichterloh brennendes Stadtviertel, das einmal meine soziale Rücksicht war. Doch ich kann nichts tun, da ich nicht alleine mit ihr bin. Also drehe ich den Fernseher lauter, um mich abzureagieren. Eine wunderbare Gartenmaschine wird gerade angepriesen und in meinem Kopf probiere ich bereits die leichte Bedienbarkeit und die garantiert scharf bleibenden Schneideaufsätze aus.

Einen Spruch, den sie gerne bringt: „Willst du dich ernsthaft mit mir streiten? Dann sitzt du nachher aber heulend auf deinem Zimmer!“ Ha, und wie ich will.

Ich stelle mir vor, wie beim Aufstehen mein nettes Ich auf der Couch sitzen bleibt und so tut, als würde es nichts mitbekommen. Mein böses Ich erhebt sich zum Kampf. Noch ein bescheuerter Kommentar und ich hole aus. Es ist, als ob ich nur auf sie gewartet hätte, die Krönung meines Tages. Heute bin ich in keiner „Lass uns alle Freunde sein“-Stimmung. Ich merke, wie ich sie herausfordernd anschaue – los, sag was. Irgendwas und ich mach dich fertig.
Doch sie sagt nichts und schaut wieder auf die Zigarette, die sie sich gerade dreht. Mist.

Und das ist der Grund, warum ich mich hier mit lauter Musik abreagieren muss. Da hilft kein Disneysong mehr. Harte Musik reinhauen, den Kämpfer rauslassen und wenn es nur dafür ist, sich selbst zu beweisen, dass man noch Krallen hat.

Ich dachte immer, ich sei leicht einzuschüchtern. Aber danke, liebe Mitbewohnerin, du hast mir gezeigt, dass dem nicht so ist. Ich habe es mir abgewöhnt vor verletztenden Kommentaren zurückzuschrecken. Denn wer die Fehler der Anderen fleißig sucht und täglich neu auslatscht, ein Sozialverhalten einer Gottesanbeterin an den Tag legt, sollte sich nicht über mangelnden Humor wundern.

Ich bin dankbar. Sie bringt mich an meine Grenzen – und sie werden immer weiter. Ich halte mehr Reibereien aus und weiß, wie ich damit umzugehen habe. Ich lasse es mir nicht mehr gefallen, wenn jemand seine beschissene Laune an mir auslässt. Ich habe gelernt, dass ich nicht mit allen klarkommen muss, auch wenn ich täglich mit ihnen zu tun habe.

Fazit frei nach Christuina Arguilera: „So thanks for making me a fighter!“.

Ich bin die Gabel und ihr die Nächsten!