Karfunkel und Furunkel

10 01 2008

Ich liebe die Etymologie (= Wortherkunft) wegen der Geschichte, die sie den Wörtern gibt.
Diesen Beitrag könnt ihr euch unter dem Punkt „Vorlese-Archiv“ in der Seitenleiste von mir vorlesen lassen!

So ist vielleicht dem ein oder anderem der Begriff „Karfunkel“ bekannt. Ich kenne es nur von dem Buch „Mein Freund Karfunkel“ (1979) von Rosel Klein, in dem ein Mädchen sich nach anfänglichem Hass mit dem Sohn des Direktors namens „Himmelsbach“ anfreundet. Da sieht man mal wieder, was man sich alles ungewollt merkt. Besonders dieser außergewöhnliche Name blieb hängen, den nun übrigens auch der Oberbürgermeister meines Heimatbezirks Heilbronn (wer’s nicht kennt, hat nichts verpasst) trägt. Doch was der Name Karfunkel bedeutet, wurde im Buch nicht enthüllt und so verbinde ich den Namen mehr mit einer unangenehmen Hauterscheinung: dem Furunkel.
Dank meines Lieblingsbuches, dem Duden Herkunftswörterbuch, mit der mythischen Seriennummer 7, konnte ich diese eklatante Wissenslücke, über die Günther Jauch sicher den Kopf geschüttelt hätte, ausfüllen:

Mit „Karfunkel“ bezeichnet man feurig rote Edelsteine. Ursprünglich aus dem Lateinischen entlehnt „Carbunculus“ (–> Karbon‑…) wurde es mit dem deutschen Götterfunken im Hinterkopf umgewandelt in Karfunkel.
Dieser Stein war mit Sagen umgeben, wie uns die Gebrüder Grimm lehren. Er wuchs als Heil‑ und Zaubermittel im Schädel des Einhorns, im Gehirn der Kröte, sogar im Magen des Kapaunen (kein Wunder, dass ihn heute kaum einer mehr kennt. Wer sucht schon dort danach?). Als Tinkturschatz in der Alchemie gepriesen, fand er auch viel Wertschätzung unter den romantischeren Schreiberlingen. Albertinus: „Der karbunkl ist fewrfärbig und scheinet dermaszen, dasz sein glanz so gar durch die nacht nit kan uberwunden werden.“ (der welt tummel‑ und schauplatz; München 1612: 839)

Und was macht man mit neuem Wissen? Genau man freut sich, wenn man dadurch die Fehler anderer Leute entlarven kann und die Welt ein bischen besser versteht. Bestes Beispiel bei der Google-Suche nach dem Karfunkel-Buch: Sir Arthur Conan Doyles „Der blaue Karfunkel“. Da wusste wohl auch die Übersetzerin die genaue Bedeutung nicht mehr.

Aber eine Lysann will es genau wissen: Woher kommt nun das Wort Furunkel?

In der Wortabteilung F stoße ich auf einen besonders großen Abschnitt der zu dem gesuchten Wort gehört. Treffer! Das bedeutet nämlich, besonders viel Geschichte und Assoziationen. Lassen wir uns mal in die Geschichte des vernachlässigten Furunkels führen:

Im 16. Jahrhundert – wie so vieles aus den lateinische Gefilden gewaltsam ins germanische Reich rübergezerrt – wurde unser sympathisches Wort für „Eitergeschwür“ vom lateinischem furunculus entlehnt. Wie wir alle wissen, oder zumindest ich nach mehreren Jahren Unterricht wissen sollte, ist Furunculus eine Verkleinerungsform von der Stammform „Fur“, dem Dieb. Wir haben es also mit einem „kleinen Spitzbuben“ (Duden) oder Diebchen zu tun. Nachgewiesen ist auch die Bedeutung als „Nebenschössling“, aus dem Gebiet der Rebstöcke. Das führt zu der Theorie, dass Winzer das Wort ‚Furunkel‘ ähnlich wie ‚Geiz‘ (im Sinne von ‚schmarotzender Trieb‘) ursprünglich scherzhaft gebrauchten, weil die kleineren Nebentriebe des Rebstocks dem Haupttrieb den Saft ‚stehlen‘.

Und was haben nun Rebstöcke mit unseren heutigen Furunkeln zu tun?
Wohl weil ein Geschwür dem Auge am Rebstock ähnelt und eine Blutkonzentration um den Eiterherd bewirkt – also somit Körpersäfte moppst – übertrug ein phantasievoller Arzt den Begriff auf die Entzündung.

Dies war also der langversprochene etymologische Abstecher in die tiefsten Tiefen des verborgenen Wortsinns. Konnte ich euer Herz nicht mit meiner Geschichte über Furunkel erwärmen, so sollen Goethes Worte für mich sprechen:

„doch ich fühle schon erbarmen
im carfunkel deines blicks.“


Heimfahrt

27 11 2007

Landschaften fliegen vorbei, Fragen entstehen. Es regnet in Darmstadt. Doch ich fahre nach Hause. Nach Hause in die größte Weinbaugemeinde Baden-Württembergs.

Die Autobahn ist ein einziger grauer Gedankenfaden. Es würde mich nicht wundern, wenn ich die richtige Ausfahrt verpassen würde und irgendwann bei München merke, dass ich mich nicht mehr auskenne.
Ich habe Sehnsucht nach meiner Landschaft. Wer hätte gedacht, dass ich sie so tief im mir aufnehmen würde, dass sie ein Teil von mir wurde?

Nach dem Autobahneinerlei kommt das Burgenland. Der Weg von Sinsheim nach Eppingen windet sich um Wälder, Ruinenhügel und schlichte Felder. Es ist anders als in „der Stadt“: Autos sind individuell. Tiere am Straßenrand lebendig. Nächte verträumt. Die Tage ruhen gemächlicher auf der breiten Landschaft.

Dann das letzte Tor zu meiner Heimat: Der Eppinger Wald. Düster in der Höhe, Nebel steigt aus den Wipfeln auf. Goldene Baumspitzen leuchten vereinzelt. Sobald ich eintauche, flackert Feuer an beiden Seiten empor. Laub-Lava schlängelt sich mit der Straße den Wald hinauf.

Und dann erst gibt die Landschaft den Blick frei: Weinberge. Ringsherum braun, knorrige Weinstrunke aufgefächert.
Unten kann man das Dorf sehen. Sacht führt die Landschaft den Blick auf der anderen Seite wieder hinauf, zur nächsten Hügelkuppe.
Manchmal ist es, als ob die Hügel den Blick aufspannen, die Seele wie ein Tuch über die Täler ausbreiten und der Wind darunter hindurchstreicht. Eine innere Weite.


Alte Straßen

18 11 2007

Es ist alles eine Hülle. Eine Haut. Bestandteil eines größeren Körpers. Als ob beim Einatmen, alles einatmet – die Bäume, die Häuser, das Licht. Und wieder ausatmet, Spannung verliert, zusammensinkt. Und erneut nach Luft und Leben drängt.
Meine Umgebung, die Stadt in der ich nun solange Erinnerungen gemacht und sie an verschiedenste Orte geknüpft habe – diese Stadt ist nun am Ende angelangt. Ich bin überall dorthin gefahren, wo ich dachte, dass ich mich finden könnte. Und alles was ich sah, war totenstill. Das Pulsieren der Lebensadern hat diese Wege irgendwann verlassen und sich einen neuen Weg woanders gesucht. An sich keine ungewöhnliche Sache. Wenn ich nicht mitten in dieser leblosen Haut stecken würde.
Es ist alles anders heute, wenn ich durch die Stadt gehe. Leute, die diese Stadt ausmachten, haben sie verlassen. Ich habe sie verlassen.
Das Leben ist weg, nicht das Bild, und das ist wohl der schmerzhafteste Teil, den es zu Verstehen gibt.

*Anmerkung: Diese Gedanken stammen vom letzten Jahr, doch ich lasse sie hier noch einmal aufleben.