Die weiße Magie Journalismus

10 02 2008

Ich lerne gerade. Prüfungsfach: Einführung in Journalistik und den Online-Journalismus.
Das ist auch ganz nett. Wenn mich Journalismus interessieren würde. Doch von Anfang an.
[Vorlesbar]

Ein Teil des Prüfungsstoffes ist beispielsweise die Frage, inwieweit es sinnvoll ist, Journalismus zu studieren. Ähem… Muss irgendjemand anderes seine Studienwahl auch erst auswendig lernen und dann in der Prüfung begründen? Das macht mich skeptisch.

Dann die Tatsache, dass ich die ganze Zeit hier lese, schreibe, lerne, was guten Journalismus ausmacht, was für ethische Vorstellungen ein Journalist hat und wie wichtig Journalismus ist.

Ich kann das ja alles nachvollziehen. Und ich kann es gerade so lernen. Aber innerlich sträubt es sich doch.
Ich bin nach Darmstadt gegangen, weil mich PR interessiert. Und PR wird auch irgendwann Teil des Stundenplans werden, aber erst sind wir alle – die Journalisten und die PRler – auf einer gemeinsamen Basis. Daher dieses Fach „für gegenseitiges Verständnis“.

Tatsache ist: Ich fühle mich wie ein schwarzer Magier, der sich durch das Geschleime der weißen Magie durcharbeiten muss, bevor er endlich Hand an die verbotenen, machtvollen Bücher legen darf. Wenn überhaupt. Es tut mir leid, dass ich kein große Verpflichtung der Bevölkerung gegenüber fühle, sie über die Machenschaften der Parteien aufzuklären. Ich bin einfach nicht Politik-interessiert. Ich schätze es, dass es Leute gibt, die das gerne machen. Aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Und jetzt lese ich diese strahlenden Credos von Wahrhaftigkeit und Meinungspluralität, Unabhängigkeit und weißen Rittern der Freiheit – doch es ist einfach anstrengend – wenn nicht sogar giftig.

Was ist an der Wahrheit toll? Nicht jeder will sie hören, kaum einer teilt die des anderen und wenn jemand wirklich wahr schreiben will, kann er sich kaum einer Sache sicher sein. Klar, die Wahrheit ist notwendig, aber ab und zu kommmt es mir wie Geheuchel vor, diese Ideale, die Wahrheit verbreiten zu wollen und die Menschheit zu befreien. Alles ist Manipulation. Versuch mal eine Meldung zu schreiben ohne Kommentar – ich könnte daran verzweifeln.

Ich bin also kein negativer, desillusionierter Mensch, der der Wahrheit den Rücken zugewandt hat und sich nun den schwarzen Mächten verschrieben hat. Nein, ich liebe das Spiel der Beeinflußung, der Taktik, der unterschwelligen Botschaften. Ich schaue lieber Werbung als SternTV (jeder, der die Fernbedienung mal an mich verloren hat, weiß es nur zu gut) und nehme alle Werbeprospekte oder Flyer mit, die rumliegen. Eine Spielwiese, ein magisches Land der Worte und Verzauberung, ein ungebrochener Bann der Bilder…alles lernbar…alles vor unseren Augen….

Doch ich sitze hier vor der weißen Magie und lese immer wieder wie ich armen Blinden den rettenden Weg zeigen kann, wie man mit Aufrichtigkeit das Elend der Welt löst und das ist schlicht nicht mein Märchen.

Vielleicht habe ich einen kleinen Hang zur Gaunerei, zur List und Tücke, aber ich schätze eine kunstvolle, komplex aufgebaute Wahrheitsvertuschung höher als die plumpe Tatsache. Es ist eine Herausforderung an den Intellekt, an die Menschenkenntnis, die Fantasie….

Das musste mal gesagt werden. Jetzt kann ich friedlich weiterlernen und ich danke für die Aufmerksamkeit!


Breit angelegte Ausbildung

12 11 2007

Früher dachte ich, die „dreckigen“ Recherchemethoden wären eine Seltenheit im journalistischen Alltag, ja, sogar eine Übertreibung des Fernsehens. Doch nun studiere ich Journalismus und was wir lernen, kann sich sehen lassen:
Ganz oben stehen effiziente Bestechungstechniken. Gerade im Hinblick auf die sinkenden Budgets ist es von Vorteil, möglichst niedrige Schmiergelder schnell auszuhandeln. Geübt wird auf dem Flohmarkt (nach Erfahrung sind besonders die Darmstädter Flohmarkthändler extrem stur).
Ebenso wertvoll für den späteren Berufsalltag: der Kurs „unorthodoxe Informationsrecherche“. Er hat die Erpressung und diverse Verhörtechniken zum Inhalt. Der Umgang mit Elektroschocks, Lügendetektoren, Schlafentzug oder Erniedrigung werden in speziell bereitgestellten Räumen immer und immer wieder eingeübt bis jeder quälende, wahrheitsbringende Griff sitzt. Auch hier wird Wert auf die Praxis gelegt: Jeder Student wird dazu angehalten, wichtige Informationen aus Dozenten herauszupressen, sie mental angreifbar zu machen und in Horden „weich“ zu fragen. Bis sie endlich verraten was wie wo bis wann gelernt werden muss.
Sollte der Informant trotzdem nicht gewillt sein, dem Journalisten die dringend benötigte Information auszuhändigen, so lohnt sich vielleicht ein kleiner Ausflug in dessen Wohnung. Auch hierauf ist der moderne Journalismusstudent vorbereitet: Der Unterricht gliedert sich in Materialkunde und Geschicklichkeitsveranstaltungen und wird durch Schulungen zu den neuesten Alarmsystemen ergänzt.
Der Informant wusste leider doch nichts, so wie er es kurz vor dem Zusammenbruch beteuert hat? Macht nichts. Dann kommt jetzt Schritt drei. Auch dieser wird sorgfältig geübt und analysiert, um die Studenten beim Berufsstart nicht ins kalte Wasser zu werfen. Die Rede ist vom Einschleusen. Nichts geht über diese alte, beliebte Variante, um Misstände aufzudecken. Wer ein großer Journalist sein will, sollte es zumindest einmal ausprobiert haben. Eine neue Frisur, viel Selbstvertrauen und Menschenkenntnis und fertig ist er: Der neue Mitarbeiter. Für diese Meisterleistung, dem wahren Abschlusstest, werden jahrelang Schauspielunterricht und Make-up-Kurse belegt. Um auch hier den Praxisanteil zu erhöhen, bemühen sich die Dozenten Aufgaben zu stellen, die die betrügerischen Fähigkeiten, schnellen Anpassungsreaktionen und das sympathische Nichtsdahersagen von Studenten verbessern.

Letzten Endes ist jedoch alles eine Frage der Persönlichkeit, für welche Methode man sich entscheidet. Kaum jedem wird es gefallen, den zu Verhörenden körperlich näher zu kommen, während andere die Bedienung elektrischer Geräte und Eisenwaren (Daumenschrauben) scheuen.
Die fundierte Rechercheausbildung wird jedem später einmal von Nutzen sein. Ich unterstütze diese sinnvolle Verwendung unserer Studiengelder.