Kennst du deine Eltern nackt?

6 11 2008

Kennst du deine Eltern nackt? (Audiobeitrag)

Sonntag Morgen: Die ganze Familie findet sich gähnend im Bad ein. Während der eine unter die Dusche taumelt, putzt der andere sich die Zähne oder zieht sich um. Es wird geschminkt, gekämmt, geföhnt und gesprayt, nach Modemeinung gefragt oder einfach nur rumgestanden. Schließlich ist es ja Sonntag. Ein Sonntag wie bei wohl allen – dachte ich bis jetzt immer.

Demletzt musste ich erkennen, dass das Gemeinschaftszimmer Bad wohl doch nicht in allen Familien existiert. Allein der Gedanke, zusammen mit anderen Familienmitgliedern das Bad zu teilen, fanden einige äußerst seltsam. „Im Bad bin doch nur ich?“ Und sie fragen weiter: „Schließt du etwa nicht ab?“ Nein, wieso auch? Das ist doch meine Familie. Die kennen mich doch! Kennst du deine Eltern etwa nicht nackt?

Und viele tun es nicht. Woran liegt das?

Bekanntlich – oder meiner beschränkten Erfahrung nach – sind besonders Ostdeutsche dem Körperlichen etwas aufgeschlossener. Man denke an die verbreiteten FKK-Strände, die hier im Ländle zwar langsam, aber stetig Zuwachs erhalten. Diese Konfrontation mit der Nacktheit bin ich auch nicht unbedingt gewöhnt, und ist mir auch eher unangenehm. In der Familie halte ich Nacktheit jedoch für normal.
Gerade was meinen Körper angeht, hat es mir, glaube ich, viel geholfen zu wissen, wie meine Mutter nackt aussieht. „Ah, so werde ich wohl auch mal aussehen“. Im Nachhinein stimmte das eher nicht. Wo sind die langen Beine geblieben? Und das Endlos-essen-können-ohne-zuzunehmen? Und blond bin ich dann leider auch nicht mehr geworden. Aber es war eine Orientierung. Besser als jede, die ich in irgendeiner verschnodderten Bravozeitung oder Modelshow hätte finden können. Ich hab meinen Anker, ich sehe ungefähr so aus wie meine Mutter und das ist auch unterbewusst mein Ziel. So wie Hunde ihren Besitzern gleichen (ein besseres Beispiel ist mir leider spontan nicht eingefallen).

Ein Nachteil des Nicht-Abschließens sind Tage, an denen Besucher da sind. Ich entschuldige mich hiermit bei allen, die mich sekundenweise entblößt sehen mussten. Ich weiß. Trauma. Aber auch beim Baden kommen die Tücken dieser Offenheit zum Vorschein. Beispielsweise wenn die kleine Schwester schnell reinschaut, um was zu fragen und dann die Tür nicht zumacht. Es zieht. Es wird immer kälter. Man ruft nach der netten Schwester, sie möge doch die Tür schließen. Das hört diese dank der neuen Lautsprecher aber schon längst nicht mehr. Verzweifelte Rufe hallen durchs Haus, aber aufstehen will man ja nicht. Es ist ja grad so huschelig…aber man hat keine Wahl.

Trotzdem kenne ich es nicht anders. Im Internet findet man ein paar Foreneinträge dazu. Einige sind dieser Fragestellung geschickt ausgewichen: Eine eigene Etage, zwei Badezimmer, unterschiedliche Nutzungszeiten oder ein undurchsichtiger Duschvorhang machen eine klare Stellungsnahme zum Nackt-sein unnötig. Vorteil eines undurchsichtigen Duschvorhanges ist, dass die Schwester nicht markterschütternd schreit, wenn man schaumerblindet das falsche Shampoo ergreift. Aber zurück zum Thema. In folgender Umfrage (die Seriosität darf angezweifelt werden) fällt das Ergebnis eher negativ aus: Mehr Menschen ziehen sich lieber nicht vor ihrer Familie aus. Manche beschreiben es gar als einen Eingriff in ihre Intimsphäre. Dabei denke ich, dass gerade meine Familie einen tieferen Einblick in meine Intimsphäre hat. Aber in der Pubertät ist einem auch einiges mehr peinlich. Da kann es schon extrem peinlich sein, wenn man erzählt, welche Joghurtsorte die Kleine nicht mag. Ja, große Schwestern sind unsensibel.

Nun Nacktheit hin, Nacktheit her. Ich springe gerne nackt durch die Gegend. Es macht mir Spaß, zum Leidwesen meiner Nachbarn, die sich schon nicht mehr trauen aus dem Fenster zu schauen. Ich stelle mir auch einen Tag ganz nackt sehr lustig vor, doch noch wohne ich in einer WG. Aber nur so mal weitergedacht, das häufige Kleckern wäre dann nicht mehr so schlimm.

Meine Eltern nicht nackt zu kennen, fände ich seltsam. Es ist wohl alles Gewöhnung. Doch auf seine Weise schafft Nackheit auch ein Gefühl der Verbundenheit. Vielleicht weil dafür auch gegenseitiges Vertrauen gegeben sein muss.

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Zum Weiterlesen:

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Küchenhorror

Schlaflos = Sprachlos?


Seitenbänke

8 02 2008

Wer kann schon sagen wo die Zeit uns hinführt? Immer wieder gehen wir verloren, verschlucken uns an einer Welle oder tauchen unter – manchmal sogar für Jahre.

Wie alte Ankerketten ziehe ich meine Gedanken an die Oberfläche. Manche meiner negativen Gedanken trage ich schon länger als zehn Jahre. Mehr als die Hälfte meines Lebens unnötige, negative Gedanken. Bedenklich. Ich versuche sie zu lösen, sie aufzuschweißen, loszuhämmern, mich freizureden und zerre immer wieder an ihnen. Die Fußfesseln des Verstandes die uns im Gefühlsmeer verankern… Alte Gedankenstrukturen wird man nur sehr schwer los.

Mein Lieblingsspruch ist von Diane Arbus: „Die Welt ist voller fiktiver Charaktere, die nach ihren Geschichten suchen“.
Doch wählt man immer sein Lebensgefühl? Wie viel lässt sich ändern?

Alle kämpfen sie sich durch das Leben. Man sieht im Kampf auf, schaut zu Seite, wie kommt jener voran?, wie macht er das? und was kommt da auf uns zu? Manchmal habe ich das Gefühl, es ist ein ewiges Schlachtfeld um den Sinn. Für den Sinn kämpfen wir, jeder gegen seinen eigenen Gegner. Die Verzweiflung oft nicht zu wissen, wohin es geht, alle schreien uns ihre widersprüchlichen Erfahrungen zu, doch wir wissen nicht weiter, wissen nicht wohin es geht, warten einfach auf die Küste oder lassen uns treiben.

Wenn man wieder ein Stück mehr von sich selbst erkennt, sieht man: Alles wiederholt sich in sich selbst. Wie ein uralter Gedanke sich immer wieder neugebiert, sich in unserem Leben ausdrückt, gelöst werden will, meist jedoch weitergeschoben wird ins nächste Jahr.

Ich sitze auf einer Seitenbank der Zeit und schaue dem fließenden Leben zu. Der Fluß offenbart wenig, funkelt wunderschön in der Sonne, lockt uns bis man sich wieder hineinstürzt, egal wie sehr man den Sog verflucht hat und sich die Trockenheit gewünscht.


Nachtzeit

27 12 2007

Auf Wissenschaft.de habe ich einen Artikel entdeckt, in dem Forscher belegen konnten, dass man Nachts so anders agiert, weil die Gefühle vom Verstand losgelöst sind. Das unterstützt meine These, dass das Tiefste nachts erscheint.
Sich zu verlieren in der Dunkelheit und plötzlich genau zu wissen welches Gefühl einen treibt, in einem Bild zu ertrinken oder die Worte in Tinte fließen zu lassen. Am Morgen darauf sind uns die Werke der Nacht meist fremd. Wir lassen uns verleiten zum Träumen, zum Schweben und finden uns selbst. Dinge, die ich in der Nacht schreibe sind Offenbarungen am Tag. Die Versuchung nur noch nachts zu leben ist immens. Doch wie ist es vereinbar nachts in die Tiefen der Welt einzutauchen und am nächsten Morgen aktiv an der hellen Welt teilzunehmen? Für mich ist es eine Entscheidung, denn beides geht nicht.
Als ich bei Bertrandt gearbeitet habe, musste ich früh aufstehen. Die Pflichten wurden vormittags erledigt, der Tag endete um 17 Uhr mit geistiger Erschöpfung, Essen und TV – das war das Leben das übrig blieb. Und in München? Da hatte ich Wochen für mich und lebte die Nacht, schlief wie es kam, aß wenn es sein musste, doch die Dunkelheit war mein. Die Isolation, der Sternenhimmel, die endlosen Gefühlswüsten, aufwühlende Bilder – sich zu verlieren ist so einfach. Man will nicht mehr auftauchen, alles wird intensiver und schärfer, der Blick wird individueller, das Gefühlsleben übermächtig.

Jetzt hat mich das Helle wieder, aber eines Tages…


Alte Straßen

18 11 2007

Es ist alles eine Hülle. Eine Haut. Bestandteil eines größeren Körpers. Als ob beim Einatmen, alles einatmet – die Bäume, die Häuser, das Licht. Und wieder ausatmet, Spannung verliert, zusammensinkt. Und erneut nach Luft und Leben drängt.
Meine Umgebung, die Stadt in der ich nun solange Erinnerungen gemacht und sie an verschiedenste Orte geknüpft habe – diese Stadt ist nun am Ende angelangt. Ich bin überall dorthin gefahren, wo ich dachte, dass ich mich finden könnte. Und alles was ich sah, war totenstill. Das Pulsieren der Lebensadern hat diese Wege irgendwann verlassen und sich einen neuen Weg woanders gesucht. An sich keine ungewöhnliche Sache. Wenn ich nicht mitten in dieser leblosen Haut stecken würde.
Es ist alles anders heute, wenn ich durch die Stadt gehe. Leute, die diese Stadt ausmachten, haben sie verlassen. Ich habe sie verlassen.
Das Leben ist weg, nicht das Bild, und das ist wohl der schmerzhafteste Teil, den es zu Verstehen gibt.

*Anmerkung: Diese Gedanken stammen vom letzten Jahr, doch ich lasse sie hier noch einmal aufleben.